25. Juni 2024

Papierschiffe auf rauer See | Finn Beck

Leseprobe

›Papierschiffe auf rauer See‹
Finn Beck

Klappentext:

Manchmal zeigt sich erst, was das Herz wirklich will, wenn man sich dem Sturm stellt …
Toni lebt das Leben, von dem er immer geträumt hat: Er tourt mit seiner erfolgreichen Band und genießt das wilde Dasein als Rockstar. Doch als er erfährt, dass sein bester Freund Jack in einen schrecklichen Unfall verwickelt war und nun querschnittsgelähmt ist, zögert er keinen Augenblick, das Rampenlicht hinter sich zu lassen.
Toni will alles daran setzen, Jack mit den neuen Herausforderungen in seinem Alltag zu helfen. Ungeahnt verändert sich in dieser Zeit voller komplizierter Emotionen allerdings etwas zwischen ihnen. Ihre Blicke, ihre Berührungen, ihre Gespräche sind nicht mehr diejenigen der Schulfreunde, die sie einmal waren.
Toni wünscht sich so sehr, denselben Sturm der Gefühle in Jacks Augen zu sehen, doch was, wenn ihre Freundschaft den wechselnden Gezeiten nicht gewachsen ist?

© Finn Beck

Gedankenverloren blickt er auf seine Arme hinab, wo kleine Narben immer noch deutliche Erhebungen auf seiner blassen Haut hinterlassen. Wie er es hasst.
Jack zieht hastig die Ärmel der olivgrünen Kapuzenjacke über seine Arme und schaut zu Toni, um sich abzulenken. Der Sänger steht jedoch immer noch im Flur, den Blick auf die kahlen Wände gerichtet. Toni versteht allerdings auch die Tragweite von Jacks belanglos scheinendem Handeln.
»Wo ist Rita jetzt?« Es dauert, aber dann folgt Toni seinem besten Freund doch noch ins Wohnzimmer.
»Ich habe sie nach Hause geschickt.« Jack versucht, diesen Satz so beiläufig wie möglich auszusprechen. Sein bester Freund hat nämlich noch nicht begriffen, dass er keine ständige Betreuung braucht. Wenn er möchte, dann kann er Thomas und Rita, so freundlich entgegenkommend die beiden auch sein mögen, fortschicken. Tonis tiefes Seufzen lässt ihn allerdings erahnen, dass der Musiker anderer Meinung ist. Aber er sagt nichts, mustert seinen besten Freund stattdessen nur mit einem Blick, den selbst Jack nicht deuten kann.
»Okay, egal.« Schlussendlich winkt Toni das Thema einfach ab. Das heißt aber noch lange nicht, dass er Jack danach in Ruhe lässt. Ganz im Gegenteil. »Lass uns heute ausgehen.«
Nun ist es Jack, der verwundert zu seinem besten Freund sieht, überrascht von dessen Vorschlag. Dann lacht er fast schon belustigt auf. »Wo möchtest du denn hingehen?«
Auch wenn Jack sein Buch schon geöffnet und die Lesebrille aufgesetzt hat, wartet er noch, bis sein bester Freund ihm antwortet, ehe er sich komplett abwendet.
»Keine Ahnung. Wir können essen gehen, oder ins Kino? Worauf auch immer du Lust hast.« Toni steht nach wie vor in wärmender Cordjacke und Straßenschuhen in Jacks Wohnzimmer. Er hat sich kurzerhand dazu entschlossen, seinem besten Freund nicht die Chance zu geben, sich einen weiteren Tag in der Wohnung zu verkriechen.
»Ich will nirgendwohin, danke. Aber du kannst ruhig gehen.« Jack hat kopfschüttelnd geantwortet, den Blick schon auf die Seiten des Buches vor sich gerichtet.
»Das kannst du vergessen, Jack.« Mit zwei großen Schritten bewegt sich Toni nach vorne, bis er direkt vor seinem Freund steht. Dann beugt er sich runter, beide Hände auf den Armlehnen des Rollstuhls abgestützt. »Du verschanzt dich hier, und das sehe ich nicht länger mit an.«
Jack hebt unbeeindruckt den Kopf und schaut seinem Freund tief in die eisblauen Augen. Insgeheim fragt er sich, ob Toni schon immer so furchtbar aufdringlich war, beantwortet sich die Frage mit einem deutlichen Ja jedoch gleich selbst.
»Was soll ich denn anderes machen, Toni? Essen gehen fällt ja wohl aus, wenn meine Hände nach kurzer Zeit schon alleine vom Besteckhalten unkontrolliert zittern, und darüber, wie schwer das Vorankommen mit einem Rollstuhl in Gebäuden oder auch nur den Stationen der S-Bahn ist, hast du dir bei deinem tollen Plan sicher auch keine Gedanken gemacht.«
Da hat Jack natürlich recht, so weit gingen Tonis Gedanken nicht. Aber das muss er ja nicht zugeben. »Wir haben mein Auto, also müssen wir nicht mit der Bahn fahren.«
Der strenge Unterton hat Tonis Stimme wieder verlassen, er klingt jetzt ein wenig versöhnlicher. »Lass uns wenigstens spazieren gehen.«
Schlussendlich hat Jack bloß zugestimmt, um nicht weiter bedrängt zu werden. Außerdem geht Toni selbst nicht gerne spazieren, weshalb Jack hofft, dieses ganze unnötige Unterfangen schnell hinter sich zu bringen.
Ihr Weg führt sie, ohne Auto oder öffentliche Verkehrsmittel, zum nahegelegenen Altonaer Volkspark. Dort spazieren sie gemächlich über die breiten Schotterwege, hauptsächlich, da Jack bereits zu Beginn ihres Ausflugs klargestellt hat, dass er sofort umdreht, sollte Toni auch nur kurz auf die Idee kommen, die Griffe des Rollstuhls anzufassen, um das Lenken zu übernehmen.
Tatsächlich hält sich der Sänger an diese Abmachung und genießt den spontanen Spaziergang nach einer Weile sogar.

»Das ist wirklich ganz schön.« Toni schaut sanft lächelnd zu seinem besten Freund. Alleine würde der Sänger auf keinen Fall durch langweilige Grünanlagen flanieren, aber in Jacks Gesellschaft ist es um einiges erträglicher. Auch wenn sie momentan kaum miteinander reden und selbst diese Aussage nur von einem leichten Nicken bekräftigt wird.
Dafür wandert Jacks Blick bald immer wieder prüfend nach oben in den wolkenverhangenen Himmel. Auch die Windböen werden stetig stärker. Als bald darauf die ersten dicken Regentropfen fallen, bleiben beide Männer fast zeitgleich stehen. Toni schimpft leise, der Wind übertönt allerdings das harsche Fluchen des Musikers.
»Wir sollten zurückgehen, bevor es schlimmer wird.« Jack wendet bereits seinen Rollstuhl und sieht erwartungsvoll zu seinem besten Freund, der immerhin gleich zustimmt.
Aber das wankelmütige Oktoberwetter scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Der Regen wird beständig stärker, bis große Tropfen unaufhörlich auf sie niederprasseln, während der heulende Wind sie erbarmungslos malträtiert.
»Vielleicht haben wir Glück und erwischen den nächsten Bus.« Toni muss beim Sprechen seine Stimme erheben, um das scheußliche Wetter zu übertönen. Zwar ist Jacks Wohnung nur einen Katzensprung entfernt, aber die Möglichkeit, einen Großteil der Strecke im trockenen Bus zu überbrücken, klingt verlockend. Ganz abgesehen davon, dass bereits das erste dumpfe Donnergrollen durch den Park hallt.
Als sie endlich die viel befahrene Hauptstraße erreichen, steht an der Haltestelle wirklich ein noch wartender Bus, in den sich bereits andere Spaziergänger flüchten. Toni will sich gerade darüber freuen, als sich die Türen des Busses auch schon quietschend schließen und der Blinker nach links gesetzt wird.
»Ach, komm schon.« Jack seufzt matt, unzufrieden und drosselt das Tempo. Dabei hätte er ahnen können, dass Toni ihr Los nicht einfach so hinnimmt. Der Sänger sprintet ein paar Schritte auf den Bus zu, eine Hand erhoben und gegen den Regen zu dem desinteressierten Fahrer rufend.
Erstaunlicherweise schafft er es wirklich bis zur vorderen Tür, wo er kurz, wild gestikulierend auf den Busfahrer einredet, nur um schlussendlich doch die Tür vor der Nase zugeschlagen zu bekommen. Im nächsten Moment setzt sich der Bus langsam in Bewegung. Fluchend und schimpfend bleibt Toni an dem verwaisten Haltestellenschild zurück, wobei das Gewitter einen Großteil seines wütenden Redeschwalls verschluckt.
Dass Jack währenddessen langsam zu ihm aufschließt, beachtet er nicht. Zumindest nicht, bis sein bester Freund laut und herzlich lacht, denn das bringt Toni vollends durcheinander. Mit einer Mischung aus positiver Verwunderung und der Befürchtung, dass Jack jetzt doch komplett durchdreht, schaut er zu ihm, bekommt aber keine Erklärung. Denn dafür ist Jack noch viel zu belustigt.
Wenn Toni sich selbst sehen und ein wenig mehr Selbstironie besitzen würde, hätte er wahrscheinlich auch gelacht. Denn so klatschnass vom strömenden Regen, die sonst perfekt gestylten Haare tropfend in sein Gesicht fallend und die schicke Kleidung schwer am Körper herabhängend, fehlt ihm doch einiges seiner Starattitüde.
»Schon gut. Lass uns einfach schnell nach Hause gehen.«

[Papierschiffe auf rauer See
Datum der VÖ: 21. August 2023]

© Text: Finn Beck
© Cover: Zeilenflussverlag; Lisa Winter
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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