25. Juni 2024

Leseprobe

›Der Artefakthändler‹
EA Vianden

Klappentext:

Quinn Quäkmann beerbt seinen Onkel Burkard, der im magischen Süden als Artefakthändler tätig war. Quinn kommt aus dem Norden, in dem es keine Magie gibt. Er verachtet alles, was nicht einer genormten Ordnung entspricht, womit die Magie definitiv eingeschlossen ist. Er möchte die Erbschaftsangelegenheiten im Süden möglichst schnell beenden und zurückkehren in sein beschauliches Leben. Immerhin liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass einem im Süden spontan lange rote Haare angehext werden. Oder die Füße wären plötzlich Rollschuhe. Man hat im Norden zumindest bereits von solchen Fällen gehört. Nicht auszudenken, wenn Quinn mehr mit der Magie zu tun bekäme als nötig.
Doch ein ehemaliger Rivale seines Onkels macht ihm dabei einen Strich durch die Rechnung. Zu seinem Entsetzen lernt er einige Magier sowie zahlreiche Werwesen kennen und muss sich schließlich dem Rivalen stellen. Er hätte allerdings nicht damit gerechnet, dass ihm die Wesen beim magischen Kampf wie selbstverständlich zur Seite stehen.

© EA Vianden

Wenn du dir ein möglichst genaues Bild von Langeweile machen müsstest, so würde früher oder später immer eine Beschreibung herauskommen, die Quinn bis aufs i-Tüpfelchen charakterisiert.
Quinn arbeitete als Buchhalter in einem Buchprüfungsbüro, in dem er den meisten der Belegschaft nur dadurch auffiel, dass er sie penetrant nach diesem oder jenem Beleg fragte, der erst in einem Monat fällig sein würde, was für Quinn aber bedeutete, dass er bereits jetzt zwei Monate zu spät war.
Sein Büro lag im Keller. Nicht, weil er dorthin verbannt worden wäre, sondern weil er es dort mochte. Da war es ruhig und unaufregend. Ganz so, wie Quinn es gerne hatte.
War er alleine mit seinen Zahlen und Abrechnungen, konnte man fast den Eindruck gewinnen, dass er so etwas wie Glück empfand. Größere Eskapaden in Sachen Emotionen waren von ihm nicht zu erwarten, und er vermied sie auch tunlichst in seinem Alltag. Nichts durfte die Ruhe und Ordnung stören, insbesondere nicht die Ordnung der Zahlen.
Sollte ihn einmal etwas völlig aus der Fassung bringen, wie beispielsweise ein nicht nummerierter Beleg, musste er sich möglichst schnell damit beruhigen, eine mathematische Formel im Kopf aufzusagen. Und mit einem starken Kamillentee.
Von außen sah das gewiss etwas befremdlich für seine Mitmenschen aus, wodurch sie ihm für gewöhnlich aus dem Weg gingen.
Quinns Onkel Burkard war eines ganz und gar nicht: langweilig. Ganz im Gegensatz zu seinem Neffen. Auch wenn Burkard nicht langweilig war, gehörte er doch nicht zu jener Kategorie Menschen, die ihr Leben aus dem Grund so aufregend gestalteten, damit sie jeden Tag etwas Neues erlebten. Er schlitterte eigentlich meist nur versehentlich in abenteuerliche Situationen hinein, ganz ohne Absicht und böse Gedanken, die – sagen wir es mal so – ungewöhnlich waren. Und das jeden Tag. Was ihn durchaus nicht zu den Langweilern zählen ließ.
So hatte er einmal im Supermarkt Eier kaufen wollen. Er erwischte nun aber genau jene Eierverpackung, die der Bauer eigentlich zum Ausbrüten behalten wollte. Und als Burkard im Laden nachsehen wollte, ob die Eier noch alle heil waren, knackste es plötzlich in einem Ei und ein Küken schlüpfte mir nichts, dir nichts aus. Burkard sah sich verdattert um und vermutete schon einen Scherz, als es wieder hier und da knackste und die Geschwister des Kükens ebenfalls fiepsend den Weg auf die Welt fanden. Nur wenige Minuten später stand Burkard im Laden und zehn winzige, flauschige Küken saßen auf seinem Kopf und seinen Schultern.
Der Besitzer des Supermarktes seinerseits war nun irritiert, weil er nicht wusste, ob er die zerbrochenen Eier berechnen sollte, Küken standen nämlich nicht auf der Preisliste.
Man hätte jetzt denken können, dass jemand Burkard einen Streich gespielt und die Eier verzaubert hätte, aber nein, solche Dinge und Begebenheiten wurden von Burkard magisch angezogen. Im Wortsinn. Er wollte diese Vermutung bereits einige Male untersuchen lassen, ihm kam aber immer ein ähnlicher Fall dazwischen.
Quinn mochte seinen Onkel Burkard sehr gerne, auch wenn es ihm oft viel zu aufregend war, ihn zu besuchen. Ruhe und Langeweile waren für ihn wichtiger. Ein- bis zweimal im Jahr fand Quinn es aber durchaus moderat, zu seinem Onkel in den Süden zu fahren, in jenen Teil des Landes, in dem es Magie gab.
Mit Magie konnte Quinn so gar nichts anfangen. Sie war viel zu unberechenbar für seinen Lebensstil. Wollte man einen simplen Abwasch hexen, konnte es durchaus sein, dass man selbst gleich mit abgewaschen wurde. Und das Auto. Und das Haus. Und die Katze.
Jedoch passte Magie perfekt in die Lebenswelt von Onkel Burkard. Wahrscheinlich suchte sich ein Zauber immer einen Partner, der genauso wild war wie er selbst.

Da lag es auch nah, dass Burkard mit magischen Gegenständen, den Artefakten, handelte. Was genau er damit machte, wusste Quinn nicht. Der Gedanke daran verstörte ihn aber auch schon so nachhaltig, dass er sich nicht weiter damit auseinandersetzen konnte, wollte er zähe Kopfschmerzen vermeiden.

Unsere Geschichte beginnt an jenem traurigen Tag, als Quinn vom Ableben seines Onkels Burkard erfuhr. Offenbar war er gestorben, wie er gelebt hatte. Aufregend. Er hatte sich einen tödlichen Stromschlag an einem magischen Teeservice geholt. Wie genau das möglich war, konnte Quinn nicht ganz nachvollziehen, denn unten im Süden gab es keinen elektrischen Strom wie bei ihnen hier im ruhigen und gesitteten Norden. Es wurde dort alles mit Magie betrieben. Äußerst praktisch, aber – wie gesagt – auch äußerst unwägbar.
Die Nachricht von Burkards Tod kam per Schnabelpost, die ab und an auch im Norden funktionierte. Man gab einen Brief einfach einem Vogel mit, der ihn dann von Vogel zu Vogel weitertransportierte, bis er im besten Fall irgendwann seinen Adressaten erreichte. Natürlich wurde das Briefgeheimnis immer gewahrt, denn die südlichen Vögel waren äußerst pflichtbewusst.
Quinn besah sich den Brief mit den vielen Schnabelspuren. Er kam von einem Rupert Ringelnatz, Anwalt und Notar. Er lud Quinn ein, der Testamentseröffnung beizuwohnen, da sein Onkel ihn wohl bedacht hatte.
Er setzte sich traurig auf seinen großen Ohrensessel mit dem Häkeldeckchen oben auf der Rückenlehne, von dem er nicht wusste, wie es jemals dahingekommen war und welchen Zweck es erfüllte.
Die Nachricht von Onkel Burkards Tod kam völlig unerwartet. Nicht einmal zu seiner Beerdigung hatte er fahren können, denn die war bereits vollzogen. Er hatte seinen Onkel sehr gern gehabt und trauerte um ihn. Quinn wünschte sich, dass er ihn noch einmal vor seinem Tod gesehen hätte, und dachte an den letzten Besuch. Man wusste nie, welcher Abschied der letzte sein würde.
Jetzt saß er hier in Erinnerungen an seinen lieben Onkel und wollte so gar nichts über Testamente und Erbschaften wissen. Er war drauf und dran, den Brief zu zerreißen. Ihm lag etwas an der Person seines Onkels, nicht an der Erbschaft.
Allerdings, so schoss es ihm im letzten Moment noch durch den Kopf, könnte das, was Burkard ihm vererbt hatte, eine schöne Erinnerung an seinen Onkel sein. Also behielt er den Brief mit der Einladung.
In diesem Moment hatte er die Entscheidung für sich getroffen. Er ging zum Telefon, rief seinen Arbeitgeber an und nahm sich bis einige Tage nach der Testamentseröffnung frei.
Nun galt es noch, Sachen zu packen und möglichst viele denkbare Vorkehrungen zu treffen. Buchstäblich alles konnte einem im magischen Süden geschehen.
Quinn hoffte, dass es ein schöner Gegenstand sein würde, den sein Onkel ihm vermacht hatte, mit dem im Gepäck er den Süden möglichst rasch wieder verlassen könnte.
Hätte Quinn auch nur den Hauch einer Ahnung gehabt, was genau das Erbe seines Onkels sein würde, er wäre auf der Stelle noch weiter in den Norden gefahren, dorthin, wo kein Funken Magie jemals hinkam und es nur Eis und Schnee gab.

[Der Artefakthändler
Datum der VÖ: 31. August 2022]

© Text: EA Vianden | © Cover: Martin Gancarczyk
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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