22. Mai 2024

Zitronenjoghurt mit Buttermilch

Leseprobe

›Zitronenjoghurt mit Buttermilch‹
Jan Ranft

Klappentext:

Blickt mit mir zurück in die bewegte schwule Geschichte und entdeckt Episoden und Schicksale, die sich miteinander verbinden. Flaschenpost, Briefe, Tagebucheinträge, Papierflieger, E-Mails, Fotos, SMS und erzählte Biografien tragen das Geschehen weiter. Freut euch auf alltägliche, nachdenkliche und unglaubliche Geschichten mit Martin, Justus, Gary, Manni, Reza, Ottokar und Yannik. Das Leben ist süß, aber manchmal auch ganz schön bitter. Man muss einfach lernen, aus jeder Situation das Beste zu machen: Wenn das Leben dir Zitronen gibt, dann mach Joghurt damit!

© Jan Ranft

Frittierte Sonnenstrahlen

»Ich glaube, ich bin schwul. Ich habe mich in meinen Klassenlehrer verliebt.«

Die BRAVO hatte Franks Brief tatsächlich abgedruckt. Die Jungs in seiner Klasse hatten die ersten Freundinnen – doch Frank interessierte sich einfach nicht für Mädchen. Er schmachtete seinen Lehrer an, wenn dieser in Bio an der Tafel stand und Blütenstände oder Pantoffeltierchen aufzeichnete. Herr Kastner unterrichtete auch Sport, und das sah man ihm an. Frank hatte die wildesten Fantasien.
Bernd Kastner war wirklich mit Abstand der coolste Lehrer der Schule. Alle Schüler mochten ihn, vor allem, weil er sich für sie engagierte. Als es darum ging, Basketballkörbe auf dem Schulhof aufzustellen oder für die Klassenfahrt nach Amsterdam zu kämpfen, da stellte er sich auf die Seite der Jugendlichen und setzte alle Hebel in Bewegung, damit die Schulleitung ihre Vorbehalte zurückstellte und doch noch zugunsten der Schüler entschied.
Herr Kastner war verheiratet. Beim Schulfest im letzten Sommer war seine Frau auch da gewesen. Sie war ebenfalls Lehrerin, an einer Realschule in Tübingen. Frank wusste also, dass seine Schwärmerei aussichtslos war, aber wenn man verknallt ist, spielt das eben keine wirkliche Rolle.
Seit Herr Kastner nach den Sommerferien sein Klassenlehrer geworden war, waren da diese Gefühle in Frank, und er fragte sich immer wieder, ob er schwul war oder was überhaupt mit ihm los war. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Deswegen hatte er an die BRAVO und an »Liebe, Sex und Zärtlichkeit« geschrieben. Wem sonst hätte er sich anvertrauen sollen?
»Vielleicht ist es nur eine Phase. In Deinem Alter kann man noch nicht sagen, ob Du auch wirklich homosexuell bist.« Das stand in der Antwort von Dr. Irene Kappler. Frank hatte es schon zigmal gelesen, seit er seinen Leserbrief gleich hinter dem Starschnitt von Boris Becker entdeckt hatte. War er mit dreizehn wirklich noch zu jung? »Vielleicht«, seufzte Frank. Er wusste nicht, was er vom Rat dieser Ärztin halten sollte. Richtig verstanden fühlte er sich jedenfalls nicht. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sich seine Gefühle einmal ändern würden.
Wie schön wäre es, wenn er einen Jungen treffen würde, dem es genau so ging. Bestimmt gab es dort draußen noch andere, die sich auch so fühlten wie er. Allerdings sicher nicht hier in Stuttgart. Vielleicht in München, Frankfurt oder so. Weit weg auf jeden Fall. Und wie sollte man die jemals kennenlernen? Ob er wohl irgendwann einen richtigen Freund haben würde? Er konnte sich gar nicht vorstellen, wie das sein würde.

Frank packte die Zeitschrift – seinen neuen Schatz – in seine Schreibtischschublade, die er wirklich mal wieder aufräumen sollte. Ein altes Fix & Foxi-Heft lag da neben vergilbten Dinosaurier-Sammelstickern, seiner alten Zahnspangenbox, einer TKKG-Kassette und Knibbelbildern, die immer noch nach Cola dufteten. Dann setzte er sich wieder an seine Hausaufgaben.
Es war ein Dienstag Anfang Oktober. Draußen war das schönste Wetter, die Sonne knallte auf sein Geschi-Buch, so hell, dass er die Buchstaben kaum lesen konnte. Übermorgen würden sie einen Test bei Frau Bruttius schreiben. Wie sehr hasste Frank antike Hochkulturen und das Auswendiglernen von Jahreszahlen. Scheiß drauf. Er konnte sich gerade einfach nicht konzentrieren, klappte das Buch zu und wollte sich jetzt lieber was Gutes tun, statt Geschichte zu pauken.
Frank streifte seine Lieblingsjacke mit den bunten Aufnähern über und machte sich mit dem Bus auf den Weg zum Volksfest in Bad Canstatt, dem Canstatter Wasen. Bei dem tollen Wetter war dort die Hölle los. Riesenrad, Krake und Kettenkarussell, dazu das Durcheinander von lauter Musik und das Tuten und Heulen der Fahrgeschäfte. Der Duft von Popcorn lag in der Luft.
Self Control von Laura Brannigan dröhnte aus den Boxen des Autoscooters, während die Jungs in den bunten Boxautos elegante Kurven drehten, um die Mädels, die neben ihnen saßen, mit ihren Fahrkünsten zu beeindrucken. Natürlich stießen sie dabei regelmäßig mit ihren Kumpels in den anderen Wagen zusammen – mit dem Hintergedanken, die Mädchen neben sich zu erschrecken und sie dazu zu bringen, sich noch fester an ihnen festzuhalten.
Frank suchte ein freies Boxauto, doch er hatte keine Chance. Ratlos stand er da und überlegte: Lieber doch erst auf die Krake, bis hier weniger los war? Oder einfach weiter auf ein freies Auto warten? Als er wenig später dann doch gehen wollte, rief ihm jemand von der Fahrbahn aus zu: »Komm, steig zu mir ein!« Es war einer der Jungs, die die kleinen Elektroautos immer wieder zurück an den Rand fuhren, wenn die Leute ausgestiegen waren. Frank schätzte, dass dieser Junge ein Stückchen älter war als er selbst, vielleicht fünfzehn oder sechzehn. Er hatte rabenschwarze Haare, und seine Haut war dunkler als die von Frank, vielleicht deswegen, weil er den ganzen Tag hier draußen war.
Frank war ganz perplex und deutete mit dem Finger auf sich.
»Meinst du mich?«
»Klar, komm schon, oder hast du Schiss?«

[Zitronenjoghurt mit Buttermilch | Datum der VÖ: 25. März 2020]

© Text & Cover: Jan Ranft;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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