25. Juni 2024

Vinserdis – Eine neue Welt

Leseprobe

›Vinserdis – Eine neue Welt‹
Vivian Redwood

Klappentext:

Der junge Gelehrte Tylas hat seinem Vater an dessen Totenbett versprochen, einen guten Abschluss an der Universität zu erreichen und mit seiner Verlobten eine Familie zu gründen. Für seine Studien reist er versehentlich ins falsche Land – nach Vinserdis. Eine ganz neue Welt eröffnet sich ihm, als er die Einheimischen Leander und Silwie kennenlernt, mit denen er sinnliche Freuden erlebt, die in seiner prüden Heimat undenkbar wären. Schon bald steht er vor einem Dilemma: Soll er in Vinserdis bleiben, oder das Versprechen an seinen Vater einhalten?

Ab 18. Ein in sich abgeschlossener Erotic-Fantasy-Kurzroman über Polyamorie zwischen zwei Männern und einer Frau. Darüber hinaus gibt es auch Erotikszenen mit zwei Männern. Dieser Roman enthält zwei Neopronomen bei Nebenfiguren, das ist so beabsichtigt und es sind keine Rechtschreibfehler.

© Vivian Redwood

Das Gasthaus Zum müden Wanderer war unschwer zu erkennen an einem Schild, auf dem ein Wanderer abgebildet war, der sich schwankend auf seinen Wanderstab stützte. Einige Laternen vor dem Eingang sorgten für etwas Licht, so dass das Bild gut zu erkennen war. Ich betrat das zweistöckige Haus. Im Eingangsbereich saß ein kräftig gebauter Mann an einem kleinen Tisch und begrüßte mich mit einem Nicken. »Guten Abend. Möchtest du ein Zimmer für die Nacht?«
»Ja, bitte, wenn Ihr noch eines frei habt?«
»Kein einzelnes. Würdest du dir eines teilen? In einem Zimmer mit zwei Betten ist noch eines frei.«
Das gefiel mir nicht eigentlich ganz und gar nicht, doch nach einem Moment der Überlegung willigte ich ein. Schließlich  kannte ich mich hier in der Stadt überhaupt nicht aus und wollte nun, nach dem Einbruch der Dunkelheit, nicht mehr umherlaufen. Hoffentlich würde mein Zimmergenosse nicht schnarchen!
»Wünschst du auch eine Abendmahlzeit?«
Erst nun wurde mir bewusst, wie hungrig ich mittlerweile war. »Das wäre hervorragend.«
»Sehr gut. Dein Zimmergenosse sitzt auch gerade beim Abendessen. Ich mache euch bekannt. Aber bezahl bitte erst.«
Ich kramte meinen Geldbeutel hervor. In meiner Heimatstadt Fherola hatte ich in einer Wechselstube ostiansanisches Geld besorgt. »Ich habe leider nur diese Währung.«
Der Gastwirt lächelte und machte eine wegwerfende Geste. »Das ist kein Problem. Die ostiansanische Währung ist seit Jahren stabil, damit kann man auch hier gut bezahlen.«
Ich nickte und bezahlte für das Essen und die Unterkunft. In dem kleinen Speisesaal machte der Gastwirt mich mit einem Mann bekannt. Dieser hatte eine etwas dunklere Hautfarbe als ich und schwarzes, glattes Haar, dazu ein symmetrisches Gesicht mit großen, dunkelbraunen Augen. Er trug ein dunkelrotes Leinenhemd; der Ausschnitt zeigte einige Haare auf dessen Brust. Ich fand ihn auf Anhieb sympathisch, obwohl wir noch kein Wort miteinander gewechselt hatten.
»Du wirst dir das Zimmer heute Nacht mit diesem Herrn teilen«, wandte sich der Wirt an den Gast. »Ich hoffe, das ist dir recht.«
»Schnarchst du?«, fragte der Mann mit dem dunkelroten Hemd ohne weitere Umstände. Ich war ein weiteres Mal irritiert über das ungewohnte Duzen.
»Nicht, das ich wüsste.«
»Das ist gut. Mein Name ist Minuelo und mein Pronomen ist er
War es hierzulande üblich, sich mit dem eigenen Pronomen vorzustellen? »Sehr erfreut, Euch kennenzulernen, Herr Minuelo.« Ich nannte meinen Nachnamen und mein Pronomen – auch er.
Doch mein Gegenüber lachte. »Aber nicht doch. Mein Vorname ist Minuelo.«
»Oh. Ach so. Ich bin Tylas.«
»Freut mich, dich kennenzulernen.« Minuelo schenkte mir ein anzügliches Lächeln.
»Die Freude ist ganz meinerseits«, erwiderte ich, um der Höflichkeit Genüge zu tun.
Dass mich Minuelo derart anlächelte, sorgte bei mir für weiche Knie. In meiner Heimat hätte es kein Mann gewagt, einen anderen so anzusehen. Dieses Land gab mir Rätsel auf, aber allmählich bekam ich Lust, diese zu ergründen. »Ich bin fremd hier. Magst du mir ein wenig über Westerende und Vinserdis erzählen?«
»Oh. Tja, dann frage ich mal so, was möchtest du denn wissen?«
Ich überlegte. »Mir ist aufgefallen, dass die Kleidung hier ganz anders ist als in meiner Heimat. So luftig, leicht und freizügig, mit offenem Haar … wie kommt das?«
Minuelo lachte auf. »Das ist ganz einfach. Wir aus Vinserdis lieben die Sinnesfreuden. In der Nacht oder auch am Tage. Und wir sind zugleich sehr praktisch veranlagt. Würden wir uns so wie du kleiden, würde es ziemlich lang dauern mit dem An- und Ausziehen.«

»Oh.« Ich dachte an die Kleidung der Frauen in meiner Heimat: Unterhemden, Mieder, Unter- und Überröcke. Alles war recht kompliziert, überall gab es Schnürungen und Knöpfe. Bis eine Frau sich an- und ausgekleidet hatte, verging mit Sicherheit einiges an Zeit. Aber auch die Herrenmode war komplex und erforderte einiges an Handgriffen. Allmählich sickerte in mein Bewusstsein, was Minuelo mir da gerade erzählt hatte. »Wie genau meinst du das mit der Sinnesfreude und der Fleischeslust, wenn ich fragen darf? Ich meine, was soll das heißen, in der Nacht und auch am Tage?«
Er grinste und gestikulierte mit den Händen, während er fortfuhr. »Die meisten von uns machen das sehr gern. Nicht nur zur Fortpflanzung, sondern zur Entspannung. Für das Wohlbefinden. Einige nutzen gern ihre Mittagspause dafür, zum Beispiel in der Halle der Sinnesfreuden. Und andere erfreuen sich daran, nachdem das Tagwerk erledigt ist.«
»Was für eine Halle ist das?«
»Sie ist von der Stadt gebaut worden und wird auch von ihr betrieben. Im Saal dort gibt es Decken, Kissen und Matten und dort treffen sich die, denen es nichts ausmacht, wenn andere Leute anwesend sind oder wenn ihnen jemand zusieht. Es gibt auch einige abgetrennte Bereiche für Leute, die weniger Zuschauende haben möchten. Manchmal finden in der  Halle auch Feiern statt.«
Ich konnte nicht anders, ich starrte Minuelo entgeistert an. »Und mit Vergnügen meinst du …«
»Wie gesagt: Fleischeslust. Sich den Sinnesfreuden hingeben. Liebe machen. Oder wie du es sonst nennen willst. Viele Leute hier machen das jeden Tag einmal, oder auch mehrmals, wenn ihnen danach ist. Und weil es natürlich nicht immer der Fortpflanzung dienen soll, nehmen viele Verhütungsmittel. Wir haben Heiler, die sich damit auskennen und entsprechende Mittel verkaufen. Es gibt auch welche für den Fall, wenn es mal mit der Potenz nicht gut klappt. Oder auch für Fruchtbarkeit. Und wir haben natürlich dank dieser Gelehrten auch Mittel, um bestimmten Krankheiten vorzubeugen, die aus der Fleischeslust entstehen könnten.«
Ich mochte meinen Ohren nicht trauen. Träumte ich, oder war ich wach? Mensch, Tylas, reiß dich zusammen! Ich besann mich auf eine weitere Frage. »Und diese Sinnesfreuden … sind sie begrenzt erlaubt … für Männer und Frauen?«
»Was genau meinst du? Jeder Erwachsene darf hier in Vinserdis der Fleischeslust frönen. Ganz gleich, welches Geschlecht oder welche Vorlieben die Person hat.«
»Ich meinte, dürfen nur Frauen und Männer miteinander … oder …«  Ich brach ab. Verflixt, es war so ungewohnt, über all das zu sprechen, noch dazu mit einem Fremden.
Minuelo schüttelte den Kopf. »Jeder erwachsene Mensch darf hier mit jedem anderen Erwachsenen intim werden, wenn es für beide einvernehmlich ist.«
»Oh.« In diesem Moment eröffnete sich mir eine neue Welt. Ich hatte nicht einmal in meinen kühnsten Träumen, nicht einmal in jenen erregenden mit dem verführerischen Wesen, daran gedacht, dass es Gesellschaften geben könnte, die so frei mit den sinnlichen Freuden umgingen. Kein Wunder, dass ich bisher so wenig über Vinserdis gelernt hatte. Vermutlich sah es die Regierung von Fherolis als Sünde an, wie die Menschen hier lebten und vermied es deshalb, in Lehrplänen an den Schulen und Universitäten entsprechendes Wissen zu verbreiten?
Der Wirt unterbrach unser Gespräch, als er uns das Abendessen servierte: Eine Suppe, etwas Brot und Käse, dazu jeweils einen Becher Wein. Ich ließ es mir schmecken und auch Minuelo kaute genüsslich. Dabei sah er mich immer wieder direkt an, mit einem seltsamen Glühen in den Augen, das mich verlegen machte.
Als er sein Stück Brot verspeist hatte, legte er plötzlich eine Hand auf meine, so dass ich zusammenzuckte. »Und wo wir gerade bei dem Thema waren – ich würde gern nachher mit dir Liebe machen, wenn du magst.«
Ich verschluckte mich am Wein und prustete fast über den Tisch. »Ich … ähm. Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

[Vinserdis – Eine neue Welt | Datum der VÖ: 04. März 2021]

© Text und Cover: Vivian Redwood;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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