Vinserdis – Der Leibwächter

Leseprobe

›Vinserdis – Der Leibwächter‹
Vivian Redwood

Klappentext:

Der junge Jesino beginnt als Leibwächter für den Adligen Alanes von Winterberg zu arbeiten und verliebt sich in seinen Dienstherrn. Doch zwischen ihnen steht ein Standes- und Altersunterschied, der eine Beziehung unmöglich scheinen lässt …

 

Band 2 der Queer-Erotic-Fantasy-Reihe “Vinserdis”. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und kann ohne die anderen gelesen werden.

© Vivian Redwood

Es war Nacht, aber ich war nicht auf dem Landsitz meines Herrn, sondern wieder in der Halle der Sinnesfreuden, die mit mehreren Öllampen und Fackeln beleuchtet war. Seltsamerweise war niemand außer mir in der Halle, die Matten und Sitzgelegenheiten waren verwaist. Was hatte das zu bedeuten? Und wer hatte mich eigentlich hereingelassen, wenn die Halle in dieser Nacht offenbar nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war?
Ich blickte nach oben, ein klarer Sternenhimmel war durch das große Glasfenster im Dach zu sehen.
»Jesino«, hörte ich auf einmal eine Stimme, die aus einem der mit Vorhängen abgetrennten Bereiche drang. »Komm zu mir.« Aber das war doch die Stimme meines Herrn. Was machte er hier?
Ich trat zu dem bodenlangen, glänzenden Vorhang und zog ihn beiseite. Zu meiner Überraschung befand sich dahinter das Arbeitszimmer meines Herrn.
Alanes musterte mich mit strenger Miene und mir wurde bewusst, dass ich nackt war, während er vollständig bekleidet hinter seinem Schreibtisch saß.
Röte schoss mir heiß ins Gesicht. »Herr, es tut mir leid, ich wusste nicht, dass …«
»Schweig«, unterbrach er mich, klang dabei aber nicht unfreundlich.
Abwartend blickte ich ihn an.
»Ich weiß, dass du mich willst. Ich sehe es an der Weise, wie du mich ansiehst.« Er sagte das mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre ihm das schon lange bewusst.
Er stand auf und begann, sein Hemd aufzuknöpfen. Mit einem leichten Hinken kam er näher, bis er direkt vor mir stand. »Und ich will dich auch. Ich habe es nicht wahrhaben wollen, aber es ist so …« Er ließ von den Knöpfen ab, streckte seine Hand aus und berührte meine Wange. Was für ein schönes Gefühl …


***

Der Traum verblasste, als ich aus dem Schlaf hochschreckte. Die Sonne schien ins Zimmer –  Mist, höchste Zeit aufzustehen! Meine beiden Zimmergenossen waren bereits dabei, sich für den Tag fertigzumachen. Wahrscheinlich war ich durch ihr Rumoren aufgewacht.
Felian sah mich mit einem anzüglichen Grinsen an. »Na, hattest wohl gerade einen anregenden Traum?«
Ich sah an mir herunter. Mein halb aufgerichteter Schwanz war unter der leichten Decke deutlich zu sehen. Ich lachte verlegen. »Tja, das ist wohl so.«
Sein Grinsen wurde noch breiter. »Erzähl mir mehr.«
»Träum weiter!«, rief ich und warf mein Kissen nach ihm. Lachend wich er dem Geschoss aus.
Ivon war inzwischen fertig und verließ das Zimmer. Er schloss die Tür hinter sich. Rasch erzählte ich Felian von der nächtlichen Begegnung mit Padrig und Kadlin.
Er stieß erleichtert die Luft aus. »Den Gottheiten sei Dank! Dann war es das wohl mit seiner Erpressung.«
»Ja, das denke ich auch.«

Kapitel 5

Die folgenden Wochen vergingen mit der alltäglichen Routine unserer Haushaltstätigkeiten und es wurde allmählich Winter. Abends spielte ich oft Karten mit meinen beiden Zimmergenossen, wir unterhielten uns über alles Mögliche und gelegentlich las Ivon uns eine der Geschichten aus einem ausgeliehenen Buch vor. Er hatte eine gute Stimme dafür und schlüpfte mit verschiedenen Tonlagen und Betonungen in die unterschiedlichen Figuren – aus meiner Sicht war das sehr unterhaltsam. Von Padrig hielt ich mich fern, wie ich es mir vorgenommen hatte, aber wir hatten zum Glück ohnehin nur selten näher miteinander zu tun.
Meinen Herrn sah ich nur selten, dafür aber mehr als einmal in meinen Träumen. Jedes Mal wachte ich dann verschwitzt und unglücklich auf, weil das nur nächtliche Hirngespinste waren. Ich konnte sie nicht genießen, weil sie keinerlei Entsprechung in der Realität hatten. So auch in dieser Nacht.
Vergebens versuchte ich, wieder einzuschlafen, denn wie schon in jener Nacht, als ich Padrig und Kadlin ertappt hatte, knurrte mir der Magen.
Also stand ich leise auf, verließ auf Zehenspitzen das Zimmer und schlich zur Küche hinüber. Im Haus war es dunkel und still, nur das säuselnde Geräusch des Windes drang gedämpft durch die Fenster herein. In der Speisekammer griff ich nach einem Stück Käse. In der Küche schnitt ich mir mit einem Messer einige Scheiben ab. Keine ganze Mahlzeit, aber doch geeignet, um den nächtlichen Hungeranfall zu stillen.
Allerdings war ich nun so wach, dass ich keine Lust hatte, direkt wieder ins Bett zu gehen. Es würde wohl nichts bringen, ich würde mich nur herumwälzen. Aber was konnte ich schon mitten in der Nacht tun? Mir kam das Bibliothekszimmer in den Sinn, das sich im ersten Stock befand. Ich wollte mir dort eine Kerze anzünden und mir für einige Minuten ein Buch mit Bildern ansehen. Es gab einige über Tiere und Pflanzen, die reich illustriert waren. Ich würde dann rätseln können, ob mir die abgebildeten Lebewesen bekannt waren oder nicht. Ich biss in eine der Käsescheiben und ging leise hinauf in den ersten Stock. Einzelne Treppenstufen knarrten unter meinen Schritten, aber im Haus blieb alles ruhig.
Als ich im Flur stand, hörte ich allerdings ein seltsames Geräusch. Es klang wie ein Seufzen. Im ersten Moment dachte ich an Geister. Hausten in diesem Gebäude etwa welche? Mit einem Mal erschienen mir die Schatten im Raum bedrohlich zu sein. Aber nein, das waren doch nur Ammenmärchen und Spukgeschichten! Aber das Geräusch hörte nicht auf, jetzt erklang sogar ein leises Stöhnen.

[Vinserdis – Der Leibwächter | Datum der VÖ: 13. August 2021]

© Text und Cover: Vivian Redwood;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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