25. Juni 2024

Stefan S. Kassner

Wie meine Phantasie mein Freund wurde.
Als Kind fürchtete ich mich vor der Nacht, insbesondere meinen Träumen. Denn die waren meist unheimliche Kreationen meiner Phantasie – verwoben mit allem, was mir unbegreiflich erschien.
Dazu gehört seit jeher das Wesen unserer Spezies. Warum wir handeln, wie wir es tun und uns damit häufig gegen die Welt richten, in der wir leben. Die Natur, aus der wir selbst hervorgingen, und die auch in uns zu finden ist. Warum wir zu versuchen scheinen, uns davon zu trennen, obwohl sie uns mit allem vereint.

Mich faszinierten und erschreckten die Menschen, die Ausmaße dessen, was sie anrichten konnten. Gudrun Pausewangs ‚Die Wolke‘, ein Buch über einen atomaren Unfall in Deutschland, ließ mich wochenlang kaum schlafen.
Meine Phantasie und Sensibilität wurden zu Begleitern, die mich ängstigten, und derer ich mich am liebsten entledigt hätte. Die Dimension der Ideen, die sie hervorbrachten, war jenseits dessen, was ich begreifen konnte.
Das ist auch heute noch so. Wenn ich die Reise in die Welt meiner Phantasie antrete, ist deren Grenzenlosigkeit für mich immer noch unbegreiflich und auch ängstigend. Doch ich kann anders damit umgehen. Die Gefühle zulassen, ohne dass sie mich gefangen nehmen. Außerdem begreife ich sie nun als Geschenk, für das ich dankbar bin.

»Es gibt Einfälle, die warten darauf, ausgearbeitet zu werden, weil irgendetwas fehlt. Weitere wachsen nie aus dem Stadium der Idee hinaus, und wieder andere treiben sofort aus und werden zu Geschichten.«
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Ein langer Prozess, wie auch andere, die vor Jahren angestoßen wurden und noch nicht abgeschlossen sind. Einige davon haben mit dem Gefühl zu tun, ‚anders zu sein‘. Natürlich auch meine Homosexualität.
Egal, welches ‚Merkmal‘ mich nicht zugehörig fühlen ließ, ich begegnete ihm mit Argwohn, dem Wunsch, es auszumerzen, um ‚passend‘ zu sein.
Mein Coming-out hat mich gelehrt, dass es nicht darum geht, ein Bild zu erfüllen, egal ob selbst oder durch andere geschaffen, sondern zu erkennen, wer man ist, wer man sein möchte.
Dies ist die Kernbotschaft, die in meinen Texten steckt, die ich vermitteln möchte, und die ich stets im Hinterkopf habe, wenn ich aus dem See meiner Phantasie schöpfe, um daraus eine neue Geschichte zu kreieren.
Die Inspirationen erhalte ich meist aus meinem Alltag. Etwas, das mir jemand erzählt, ich selbst erlebe oder sehe. Manchmal sind es auch Erinnerungen, die sich mit einem Einfall verknüpfen, oder etwas, das ich in einem Traum erlebt habe.
Es gibt Einfälle, die warten darauf, ausgearbeitet zu werden, weil irgendetwas fehlt. Weitere wachsen nie aus dem Stadium der Idee hinaus, und wieder andere treiben sofort aus und werden zu Geschichten.

Was ich ebenfalls gelernt habe und wohl mein ganzes Leben lernen muss, ist Geduld. Den Dingen die Zeit zu gewähren, die sie benötigen. So, wie ich selbst auch Zeit benötigte, um mir über mich selbst klar zu werden und darüber, dass ich immer wieder diese Augenblicke des ‚in mich Hineinhorchens‘ brauche.

Schreiben hilft mir dabei, mich besser kennenzulernen, mich zu begreifen. Insbesondere meinen Figuren gelingt es, mich zu neuen Erkenntnissen gelangen zu lassen, wenn ich denen auf ihrem Weg durch die Geschichte folge. Nicht selten bin ich überrascht, wo der uns hinführt.
Somit ist jedes Buch, das ich schreibe, eine Erfahrung, die mich prägt und ein wenig verändert zurücklässt. Nicht selten durchlaufe ich im Schreibprozess Erinnerungen und Erfahrungen, die ich bereits gemacht habe. Mein Roman ‚Kein Platz für die Liebe‘ ist nicht autobiographisch, enthält aber einige Erlebnisse aus meiner Zeit als Assistenzarzt, den inneren und äußeren Prozessen meines Coming-outs.
Es ist dadurch ein sehr persönliches Buch geworden, mit dem ich hoffe vermitteln zu können, was in einem Menschen vorgeht, der feststellt, ‚anders‘ zu sein. Denn trotz aller Bemühungen der letzten Jahre und Jahrzehnte glaube ich nicht, dass es gelingen wird, den Gedanken einer ‚Norm‘ vollkommen abzustellen.
Auch in meiner Novelle ‚Drahtseilakt’ widme ich mich der Thematik und beschreibe, welche schwerwiegenden Folgen es haben kann, nicht der sein zu dürfen, der man ist und sein möchte.

Bücher haben die Macht, uns in andere Welten zu entführen, uns fühlen und erleben zu lassen, was wir selbst nicht erfahren haben. Es ist ein Privileg, als Autor in diese Welten entführen zu dürfen, und noch viel schöner ist es, wenn man dabei unterhält und die Botschaft einer bunten und vielfältigen Welt, in der wir leben, vermitteln kann.
Heute ist meine Phantasie mein Freund, die mich an die Hand nimmt, um mir immer wieder Neues zu zeigen. Und meine Finger stehen nicht still, bis ich das in die Tastatur gehämmert habe, damit auch andere dies erfahren können.

Ich freue mich auf euch und lade euch herzlich ein, in meine Welten einzutauchen.
Mehr zu mir und meinen Werken findet ihr auf meiner unten verlinkten Homepage.

Text & Bilder © Stefan S. Kassner;
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