25. Juni 2024

Shinoji | Gabriele Oscuro

Leseprobe

›Shinoji‹
Gabriele Oscuro

Klappentext:

Das Leben eines Mashijaro, eines Leibwächters des Kaisers, ist von strengen Regeln geprägt. Gerade sechs Sommer alt war Shinoji, als ihn sein Vater dieser Welt aus absolutem Gehorsam, Strafe, Dienst, Training und Schweigen überlassen hatte.
Mit seiner Berufung zum Hauptmann der Mashijari des Thronfolgers verändert sich sein Alltag. Von nun an trägt er die Verantwortung für das Leben des Prinzen Tajashiro.
Der verwöhnte Prinz, der sich wenig um die Geschicke des Landes kümmert, interessiert sich ausschließlich für neue Kimonos, die Gelegenheiten, bei denen er diese präsentieren kann, und seine Liebhaber.
Als Shinoji den Prinzen vor Verrätern rettet und sich mit ihm auf die Flucht über den Berg Varshi begibt, stehen sie vor großen Herausforderungen.
Allein miteinander fangen die scharfen Grenzen zwischen Mashijaro und Prinz an zu verwischen. Sie kommen sich zaghaft, aber unausweichlich näher. Doch haben ihre Gefühle füreinander eine Chance?
Sollten sie dem Tod entgehen, würden sie zurückkehren in die starren Regeln der Gesellschaft, die eine Liebe zwischen Mashijaro und Prinz nicht erlaubt.

© Gabriele Oscuro

Nachdem alle sein Zimmer verlassen hatten, setzte sich Tajashiro auf. Seit zwei Tagen ging er jeden Abend durch den Raum und machte ein paar Dehnübungen.
Anschließend wusch er sich gründlich einschließlich seiner Haare. Er wählte einen dunkelblauen Kimono und einen weißen Obi.
Als er das Zimmer verließ, verpassten die Mashijari vor Erstaunen fast, ihm zu folgen. Die Gänge des Palastes waren leer und ohne gesehen zu werden, erreichte er die Gemächer seines Vaters. Auch die Wachen Hoshiniros starrten ihn an, ehe sie reagierten und Haltung annahmen. Tajashiro klopfte an die Tür und wenig später öffnete Makashino.
„Ich muss den Kaiser sprechen.“
Zum ersten Mal erlebte er, dass dieser Mann für einen Moment nicht wusste, wie er reagieren sollte. Dann verbeugte er sich tief und ließ Tajashiro eintreten. In dem prachtvollen Raum, in dem der Kaiser seine Familie und Vertraute zu empfangen pflegte, bat er ihn zu warten und verschwand in die hinteren Zimmer. Dort war Tajashiro niemals gewesen. Das war das persönliche Reich des Kaisers.
Lange musste er nicht warten, ehe sein Vater durch die Tür trat. Sofort fiel er auf die Knie und senkte den Kopf.
„Tajashiro, mein Sohn, steh auf. Was ist geschehen? Eben noch hörte ich, dass die Ärzte deinen Tod befürchten, und dann stehst du in meinem Zimmer.“
„Vater.“ Er musste schlucken. „Ich bin gekommen, weil ich …“ Die Worte, die er sich überlegt hatte, wollten nicht kommen.
Hoshiniro fasste seine Arme und zog ihn hoch. Sie sahen sich in die Augen.
„Was bereitet dir Kummer?“
„Ich kann nicht Kaiser werden“, murmelte Tajashiro und schloss die Augen. „Ich bin kein würdiger Nachfolger für dich. Du brauchst einen Mann, der wie du bereit ist, Entscheidungen zu treffen, egal, wie schwer sie sind. Der Weitblick für die Geschicke des Landes hat. Ich … bin das nicht.“
Zorn erwartete er, Verachtung, Bitternis, aber nicht das schwere Seufzen, das Hoshiniro ausstieß. Dann zog er ihn in eine Umarmung, etwas, was er seit seiner Kindheit nie getan hatte. Es dauerte, ehe Tajashiro die Geste erwidern konnte.
„Ich habe es befürchtet. Du bist deiner Mutter so ähnlich.“ Die Stimme war leise und rau. „Sie war die Sonne in meinem Dasein. Darum war es mir nie möglich, streng zu dir zu sein, dir deine Wünsche abzuschlagen. Ich ahnte, dass dein Herz zu groß und weich für die Politik ist. Das Schicksal hat dich und deinen Bruder vertauscht. Er ist geschaffen für die Geschäfte des Landes.“
„Dann lass ihn dir nachfolgen.“
„Du weißt, dass das nicht geht. Du müsstest auf den Thron verzichten und damit würdest du dein Gesicht verlieren. Du könntest nicht am Hof leben.“
„Das will ich auch nicht. Ich will fort.“
Nun schob ihn sein Vater von sich und sah ihm ins Gesicht. „Was bedeutet das, Tajashiro?“
„Ich will den Palast verlassen. Frag mich nicht, wohin ich gehen will, aber ich werde nicht wiederkommen.“
„Du willst fortlaufen? Dich vor dem Leben verstecken?“
„Nein. Ich will das Leben finden.“
Schweigend blickten sie sich an. In Hoshiniros Gesicht arbeitete es. Er schien nicht zu wissen, wie er darauf reagieren sollte.
„Vater, dies ist nicht mein Leben. Viele Jahre habe ich verschwendet, bin nur deinen Wünschen gefolgt. Es wird Zeit, dass ich mich und meinen Weg finde. Ich weiß nur sicher, dass er nicht darin liegt, Kaiser zu werden.“
„Ich weiß nicht, ob ich dich gehen lassen kann …“
„Du weißt, dass ich kein würdiger Thronfolger bin. Folge der Vernunft. Lass mich gehen.“
„Ich muss darüber nachdenken. Lass uns morgen weiterreden.“

Zurück in seinem Zimmer stellte sich Tajashiro an das Fenster und blickte hinauf zum Varshi. Eine Stimme rief ihn. Leise und stetig raunte sie ihm zu, dass er auf den Berg musste, zurück zu dem Ort, an dem er glücklich gewesen war. Er hatte das Gefühl, dass die Zeit ihm durch die Finger rann.

Die Diener betrachteten ihn wie ein Gespenst. Einmal fiel ihm auf, wie ein junger Laufbursche das Zeichen gegen die bösen Geister hinter seinem Rücken machte. Die Verwunderung über seine Genesung war auch den Ärzten anzusehen. Sie standen lange zusammen und murmelten miteinander, zu einer Lösung kamen sie nicht. Bald würde es überall heißen, Dämonen hätten ihn in Besitz genommen.
Tajashiro seufzte. Ihm war das gleichgültig. Sein Vater sollte die richtige Entscheidung treffen und er würde noch an diesem Tag den Palast verlassen.
Endlich ließ der Kaiser ihn zu sich rufen. Neben seinem Vater waren auch Hajajori und Sangjung, der kaiserliche Leibarzt, anwesend. Ihre Gesichter waren ernst und Tajashiro begann sich Sorgen zu machen.
„Ich kann deinem Wunsch nicht stattgeben. Sangjung ist der Meinung, du leidest an einem Nervenfieber und brauchst eine Kur. Dein Geist ist verwirrt und eine Zeit im Kloster Jajung unter Obhut der besten Heiler würde dir guttun.“
„Nein!“ Tajashiro sah von einem zum anderen. „Was immer ihr denkt, ich bin gesund. Ich habe die Entscheidung gefasst, weil es das Beste für das Land ist. Hajajori wird ein guter Kaiser. Ich nicht.“
„Nun ist es aber nicht deine Entscheidung, sondern meine.“ Hoshiniro blickte ihn ernst an. „Und ich schließe mich der Meinung von Sangjung an. Du wirst dich ein paar Monate in das Kloster zurückziehen.“ Als Tajashiro etwas sagen wollte, hob sein Vater die Hand. „Dies ist ein kaiserlicher Befehl. Morgen in aller Frühe werden dich die Mashijari zum Kloster bringen.“
Tajashiro warf seinem Bruder einen verzweifelten Blick zu, doch der sah ihn nicht an. Er spürte, wie die Kraft der letzten Tage, die er aus einer, wie er jetzt wusste, absurden Hoffnung geschöpft hatte, ihn verließ. Nach einer tiefen Verbeugung verließ er den Raum.

Allein in seinem Zimmer überkam ihn die Wut, er wollte etwas zerstören, alles zerstören, aber sie verflog so schnell, wie sie gekommen war. Verzweifelt ließ er sich auf das Bett fallen. Es hatte eine Chance gegeben, eine winzig kleine, aber sie war da gewesen. Er hatte sie gespürt, gewusst, dass alles gut werden konnte, wenn er auf den Berg zurückkehren könnte, aber nun war alles vorbei.
Seine Gedanken füllten sich mit Schwermut. Ehe er in das verdammte Kloster ging, würde er sterben. Welchen Sinn sollte sein Leben noch haben? Nie würde er Kaiser werden, sein Vater würde ihn in diesem Kloster verrotten lassen und irgendwann würden die Ärzte sagen, er sei aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage, das Amt zu übernehmen. Hajajori würde Kaiser und ihn würde die Welt vergessen. Nicht, dass es ihm um die Welt ging. Es gab nur einen Grund, am Leben zu bleiben, nur einen Grund, der ihn zu seinem Vater hatte gehen lassen. Shinoji. Aber nun gab es keine Hoffnung mehr, ihn jemals wiederzusehen.
Tajashiro ging durch das Zimmer, in dem all die Kimonos hingen, die einst seine Leere füllen sollten, und öffnete die Geheimtür. Schon lange war sie nicht mehr benutzt worden. Als Kind war er oft durch sie verschwunden und hatte die geheime Welt des Palastes erkundet. Später hatte er sie nicht mehr benötigt, er konnte gehen, wohin er wollte.
Nun aber sollten die Mashijari vor seiner Tür nicht wissen, wohin er verschwand. Ihre Pflicht war es, ihn auch vor sich selbst zu schützen.
In den Gängen war es dunkel und im Laufe der Jahre hatten Spinnen ihre Netze dort gebaut. Mit einer kleinen Laterne in der Hand schloss er die Tür hinter sich und folgte dem Gang, bog ab, stieg Treppen hinauf, lief weitere Gänge entlang und kam schließlich im obersten Zimmer eines Turms an. Nur in Zeiten von Krieg und Gefahr saßen hier Wachen und hielten Ausschau. Jetzt lag der Raum verlassen und wurde nur von Mondlicht erhellt. Er stieg die Leiter hinauf und gelangte auf eine Plattform. Der herbstliche Wind empfing ihn, die Stadt lag ihm zu Füßen. An die Zinnen tretend sah er hinunter. Der Vorplatz des Palastes, die Treppe mit den vielen Stufen. Wäre es eine Schande für seinen Vater, wenn man ihn dort unten aufgeschlagen finden würde? Spielte das eine Rolle?
Die Tiefe hatte eine merkwürdige, schwindelerregende Anziehungskraft. Tajashiro kletterte auf die Mauer, hielt sich an der Zinne fest. Der Wind zerrte an seinem Kimono. Erneut sah er hinab. Dort unten würde Stille und Frieden herrschen. Langsam löste er die Hand und breitete die Arme aus, dann ließ er sich nach vorne fallen.

[Shinoji; Datum der VÖ: 03. Juni 2022]

© Text: Gabriele Oscuro; Cover: Samjira
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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