25. Juni 2024

Saskia Rönspies

Schon seit ich denken kann, bereichern Geschichten mein Leben. Zu seinem großen Leidwesen musste mein Vater mir jeden Abend aus Karl Mays Werken vorlesen. Ich glaube, er war sehr froh, als ich schließlich in der Lage war, selbst zu lesen.

Von da an verschlang ich alles, was ich an Geschichten finden konnte. Sehr schnell legte ich mich dabei auf Fantasy fest. Insbesondere Die unendliche Geschichte von Michael Ende sowie Die Nebel von Avalon von Marion Zimmer Bradley fesselten mich.
Heute weiß ich nicht mehr, wie oft ich diese beiden Romane gelesen habe. Weitere Autor*innen kamen hinzu und ich machte auch mal Ausflüge in andere Genres, aber letztlich blieb ich der Fantasy treu. Dabei ist es mir egal, ob es in einer fantastischen Welt oder der Realität spielt, ob Vampire, Nixen, Feen oder Hobbits auftauchen. Solange mich die Geschichte und das Setting fesseln, lese ich so ziemlich alles.
Starke Frauenfiguren in einer düsteren, scheinbar hoffnungslosen Atmosphäre haben es mir dabei ganz besonders angetan. Aber auch queere Charaktere begeisterten mich schon, als sie noch sehr schwer zu finden waren. Zum Beispiel der schillernde Vampir Lestat de Liancourt aus den Chroniken der Vampire von Anne Rice, der von sich selbst sagt, er habe schon immer Männer und Frauen geliebt, oder die lesbische Zadiya aus Marion Zimmer Bradleys „Schwert der Amazone“.

»Ich bin sehr gespannt, in welche düsterbunten Welten sie mich noch entführen werden, denn in Planung ist noch einiges.«
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All diese Werke und Charaktere haben mich inspiriert. Aber wahrscheinlich hätte ich ohne meine Deutschlehrerinnen nie damit begonnen, eigene Texte zu verfassen, denn sie hielten kreatives Schreiben für einen wichtigen Bestandteil des Deutsch-Unterrichts. Stets war ich die Erste, die sich mit Feuereifer an die Aufgabe machte und den Text weit vor dem Abgabetermin fertig hatte. Da ich seit der Grundschulzeit ebenfalls schauspielerisch aktiv war, hegte ich den großen Traum, nach dem Abitur Schriftstellerin oder Schauspielerin werden.

Leider siegte dann doch die Vernunft und ich studierte Jura, da die beruflichen Perspektiven lohnender erschienen. Schon früh merkte ich, dass das Fach nicht meins ist, doch ich zog durch, verlor dabei immer mehr den Bezug zu mir selbst und gleichzeitig zum Schreiben. Erst der Schreibkurs einer Fernschule brachte mich wieder zurück in fremde Welten.

Ich begann wieder zu schreiben und veröffentlichte 2017 und 2019 die ersten beiden Bände einer Fantasy-Trilogie. 2019 sollte dann auch ein Jahr mit radikalem Wandel für mich werden, denn ich entschied mich, noch einmal etwas ganz anderes zu studieren, um Deutsch-Lehrerin werden zu können, verliebte mich in meine beste Freundin und hatte mein spätes Coming-Out. Nach langjähriger Ehe mit einem Mann fühlte es sich an, als könnte ich nun endlich wirklich Ich sein.

Das wirkte sich auch auf meine Geschichten aus, denn sie wurden deutlich queerer und authentischer. Eine Veröffentlichung in einer Anthologie mit lesbischen Märchen machte den Anfang, andere queere Texte folgten, bis ich beschloss, meine Trilogie komplett zu überarbeiten und ihr eine queere Protagonistin zu verpassen. Der neu überarbeitete erste Teil erfüllt mir einen Traum, denn er wird 2023 im Weltenbaum-Verlag erscheinen.

Seit ich endlich zu mir selbst gefunden habe, hat auch das Schreiben wieder einen festen Platz in meinem Leben bekommen. Wann immer ich ein wenig freie Zeit in meinem mit Job als Lehrerin, Pferden, Katzen und Haushalt vollgestopften Terminkalender finde, setze ich mich an meinen Laptop und lasse meine Figuren leben. Zum Glück ist es mir dabei ganz egal, wo ich mich befinde, da ich quasi überall schreiben kann. Es macht mir einfach so viel Freude, mich in andere Welten zu versenken, dass ich nur meinen Laptop und eine Sitzgelegenheit brauche, damit meine Figuren die Herrschaft übernehmen können. Denn auch wenn ich einen groben Plan für meine Geschichten habe, können die Charaktere diesen ganz oft noch umwerfen, indem sie ihre eigenen Vorstellungen durchsetzen. Und ich bin sehr gespannt, in welche düsterbunten Welten sie mich noch entführen werden, denn in Planung ist noch einiges.

 
Text © Saskia Röspies;
Foto © Julia Druschke;
Banner © Kenneth Böhmchen
unter zus. Verwendung des Logos von Florian Sayer-Gabor
mit freundlicher Genehmigung.
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