23. Juli 2024

Nordlicht | Hannah Mauritz

Leseprobe

›Nordlicht‹
Hannah Mauritz

Klappentext:

Mit großer Furcht hat Elle ihren Geburtstag erwartet. Denn dieser Tag macht sie zu einem vollwertigen Mitglied der Elementarmagier und erwählt sie, das Licht zu beherrschen.
Doch nicht nur Elle graut es vor ihrer neuen Aufgabe. Ausgerechnet Thyri, die Schildmaid und Lichtmagierin soll durch Elle ersetzt werden. Denn die Bestimmung besagt: Wird ein neuer Elementarmagier geboren, verliert der Vorgänger an dessen 25. Geburtstag seine Kraft und stirbt.
Elle kann diese Tatsache nicht ertragen und nimmt daraufhin ihr Schicksal selbst in die Hand. Doch dabei stellt sie fest, dass sie gar nicht so einzigartig ist, wie sie zunächst gedacht hatte, denn hinter ihrer Existenz steckt ein politisches, magisches Kalkül. Und um die Wahrheit herauszufinden, müssen nicht nur Elle und Thyri einander vertrauen. 

© Hannah Mauritz

DAS URTEIL IN SCHULD: Elle warf ihr Handy auf das Bett und fluchte. Egal, was Phillip auch schrieb, es war nie etwas Gutes.
Eric trampelte in das Zimmer. „Hast du es schon gehört?“
„Ja. Eine kleine Demo ist eskaliert und sie haben Telekinesemagier festgenommen. Schöne Scheiße.“
„Phillip will eine Stellungnahme von euch. Es soll noch heute ein erstes Urteil gesprochen werden.“
„Na super, so was liebe ich. Er hat uns den Termin geschickt. Wir sollten uns lieber gleich auf den Weg machen.“
Elle schleuderte ihr Handy in die Tasche und hängte sie sich über die Schulter. Eric strich ihr über den Rücken. Dass ihn das nicht so wütend machte wie sie, empörte Elle. Eric konnte selbst jederzeit ins Visier der Magierpolizei geraten, wenn sie einen schlechten Tag hatten oder ihn jemand anschwärzte. Eric nutzte seine Magie kaum, aber manchmal rutschte es ihm raus oder er musste sie spontan einsetzen.
Wenn ein Magier hassender Polizist ihn dabei erwischte, drohte ihm Ärger.
„Macht dich das nicht rasend?“, fragte sie ihn auf dem Weg nach draußen. Eric blieb äußerlich viel zu ruhig.
„Doch. Was soll ich denn tun? Wut ändert nichts.“
„Deine Diplomatie in Ehren, aber das ist absurd.“
Die anderen Elementarmagier warteten mit ihren Leibwächtern bei ihren Wagen. Elle sah Simon und ballte wieder die Faust. Nein, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für eine weitere Konfrontation.
„Fahren wir alle zusammen?“, fragte Helene.
Tertia spielte mit ihrer Münze. „Ich fahre mit meinem Leibwächter allein, dann müssen wir uns nicht noch mal alle ins Auto quetschen.“
Elle stimmte zu. In engen Räumen wurde ihr schnell schlecht, daher ging sie dem gern aus dem Weg, wenn sie konnte.
„Ich fahre mit Eric. Mir wird sonst übel.“
Simon hob die Braue. „Und du musst nicht mit mir in einem Auto sitzen, stimmts?“
„Vielleicht. Vielleicht stelle ich mir auch vor, wie ich dreimal über dich drüberfahre“, flüsterte Elle, damit er sie nicht verstehen konnte.
Phillip stiefelte aus dem Zentrum. Mit Blick auf den alten Mann lehnte sich Tertia kopfschüttelnd gegen ihren schwarzen Toyota.
„Ich hasse solche Verhandlungen. Den Telekinesemagiern wird Unrecht getan und Phillip freut sich auch noch darüber.“
„Sehe ich auch so“, meinte Helene, „aber wir haben keine Kontrolle darüber, was heute passiert.“
Elle schnaubte und zog Eric zu seinem Auto.
Jegliche Diskussion darüber war sinnlos, da sie als Magier kein Recht sprechen durften. „Na komm, lass uns fahren. Mir wird es hier zu wuselig.“
Schweigend fuhr Eric sie zum Rathaus, wo Verhandlungen und Anhörungen von Magiern möglichst medienwirksam abgehalten und gefilmt wurden. Zu Elles Freude parkte er abseits der Fotografen und Bürger, die sich auf dem Rathausplatz versammelt hatten.
Elle zog sich die Kapuze über den Kopf und ging mit gesenktem Kopf durch den Hintereingang, während sich die anderen Magier den Weg durch die Paparazzi bahnen mussten.
Elle wartete hinter der Eingangstür auf die anderen. Simon funkelte sie an, als er das Rathaus betrat.
„Hast dich durch den Hintereingang geschlichen, du Feigling.“
Zu ihrer Überraschung schlug ihm Thomas auf den Hinterkopf. „Simon, es reicht!“
Elle schnaufte und lief in den Saal, wobei ihr die anderen Elementarmagier folgten.
Im Verhandlungsraum setzten sie sich auf ihre Plätze neben den Schöffen. Ihre Aufgabe war es lediglich, die Magier zu repräsentieren und die Öffentlichkeit zu besänftigen. Sie durften keine Urteile sprechen, aber am Ende der Sitzung ihre Meinung sagen und im Notfall eingreifen, wenn ein Magier gewalttätig wurde. Welchen Zweck hat das?, fragte sich Elle.
Simon lehnte sich zu Thomas hinüber und fragte so laut, dass Elle mithören konnte: „Was haben die Magier genau getan?“
„Sie haben auf einer Demo Polizisten mit Steinen beworfen und dabei ihre Kräfte genutzt.“
Tertia runzelte die Stirn. „Was war das für eine Demo?“
„Ging wohl um Rechte für Eis‑ und Telekinesemagier.“
„Was für eine Ironie. Merken die Politiker nicht, dass sie sich mit dem Prozess hier selbst ins Knie schießen?“
Eric nahm auf den Zuschauerrängen bei den anderen Leibwächtern Platz. Elle sah zu ihm hinüber. Seine Kiefermuskulatur war angespannt.
Helene seufzte. „Natürlich wissen sie das. Aber du kennst das doch. Je mehr Macht die Magier haben, desto eher werden sie zur vorherrschenden Rasse.“
„Du könntest mal aufhören, in Rassen zu denken“, gab Tertia bissig zurück.
Thomas rollte mit den Augen. „Du hast leicht reden. Du warst eine echte römische Göttin und wurdest bewundert, geliebt und gefürchtet. Das, was du da sagst, ist pure Doppelmoral.“
„Man kann seine Einstellung auch ändern.“
Elle beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Im Vergleich zu den anderen Magiern genossen sie viele Privilegien. Da wirkte es wie Hohn, wenn sie sich zu laut darüber aufregten.
Die Zuschauerplätze füllten sich, die Schöffen nahmen ihre Plätze ein.
Die drei Telekinesemagier wurden in Handschellen in den Raum geführt, an den Seiten standen schwer bewaffnete Polizisten.
Die Sicherheitsvorkehrungen waren bei derartigen Verhandlungen viel höher, seit Telekinesemagier bei einem Prozess Menschen mit ihren Kräften angegriffen hatten. Helene hatte an einem von Elles Treffen erzählt, dass sie tatsächlich einmal Telekinesemagier während einer Verhandlung töten mussten.
Elle wollte sich das gar nicht vorstellen.

Phillip setzte sich auf seinen Platz am Richtertisch.
Als Vorstand des Zentrums musste er bei derartigen Prozessen dabei sein, und er schien diese Macht zu genießen. Er grinste, saß mit gestrafften Schultern an seinem Platz und fixierte die Magier mit seinen Augen.
Als die Verhandlung eröffnet wurde, wandte Elle den Blick ab. Die Magier wurden nicht befragt; Videos der Dashcams und die Berichte der betroffenen Polizisten reichten für die Anklage.
Als das Video abgespielt wurde, sah Elle wieder auf und verfolgte das Video.
Die drei Telekinesemagier standen in der Menge der Demonstranten. Sie demonstrierten zwar lautstark, aber gewaltfrei. Elle stimmte ihnen eigentlich zu. Mehr Rechte für Magier waren längst überfällig.
Die drei Angeklagten näherten sich den Polizisten, die ihre Schlagstöcke richteten. Polizeigewalt war nicht selten in der Stadt.
Dann war die Situation eskaliert. Wortgefechte dröhnten zwischen den Rufen der Demonstranten und den schrillen Geräuschen von Trillerpfeifen.
Plötzlich zerrissen Schreie die Ruhe und Steine flogen durch die Luft.
Für Elle war der Fall klar: Die Demo war außer Kontrolle geraten, die Polizei und die Magier hatten sich gegenseitig angegriffen. Doch am Ende würden die Magier dafür bestraft.
Diese Gerichtsverhandlung war ein Witz. Es war kein Prozess im Zweifel für den Angeklagten; die Richter und Phillip statuierten hier ein Exempel, um den Magiern Angst zu machen.
„Wie Sie sehen“, sagte der Polizist, „haben uns die drei Männer mit ihren Kräften angegriffen.“
Blödsinn. Die Polizei war nicht kooperativ gewesen und die Magier hatten sich gewehrt. Elle biss sich auf die Zunge, um nicht dazwischenzurufen.
„Und sie haben trotz des Verbots ihre Kräfte eingesetzt. Zudem hat sich keiner von ihnen als Telekinesemagier registriert. Sie sind sozusagen durch das System gerutscht.“
Vielleicht wollten sie auch Gleichberechtigung? Natürlich war es nicht fair, Menschen mit seinen Kräften anzugreifen, doch sie hatten sich nur gewehrt, verdammt!
„Die Männer haben sich in zwei Fällen strafbar gemacht: fehlende Registrierung und Nutzung ihrer Kräfte gegen Menschen“, sagte Phillip.
Dafür, dass er die Magier repräsentierte, hatte er einen ziemlichen Hass auf alle anderen seiner Art. Elle verstand sein Problem nicht.
„Daher plädiere ich für die Höchststrafe. Die Angeklagten werden in Sicherheit verwahrt, damit sie keinen Schaden anrichten können.“
Helene schnaubte, Simon und Thomas zuckten die Achseln und Tertia verzog ihr Gesicht.
Nach dem Schuldspruch scheuchte Phillip sie zum Pressetermin. Elle musste ihre Anspannung unterdrücken, das Licht der Kameras machte sie nervös.
Jana, die Journalistin, stand ganz vorn in der Menge.
„Was denkt ihr über das Urteil? Findet ihr es gerecht, dass Telekinesemagier ihre Kraft nicht anwenden dürfen?“
Wie immer blieb Helene diplomatisch.
„Die Gesetze sind eindeutig, und sie haben gegen diese verstoßen. Es ist unsere Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Regeln eingehalten werden.“
Helene log, das hörte Elle an ihrer zittrigen Stimme. Sie biss sich auf die Lippen. Tertia schwafelte Ähnliches, auch wenn sie noch etwas überzeugender klang. Dann konnte sich Elle nicht mehr beherrschen. Sie ertrug diese Ungerechtigkeiten nicht!
„Ich finde das Urteil furchtbar. Telekinesemagier werden mit ihrer Kraft geboren und rein aufgrund ihrer Merkmale unterdrückt. Das ist Rassismus.“
Phillip eilte zu Elle und schob sie beiseite. Doch Elle ließ sich nicht von ihm unterbrechen.
„Kräfte sind nichts, wofür wir uns schämen müssen.“
„Danke, Elle“, sagte der Vorsitzende, „das reicht für heute. Das Urteil ist rechtskräftig und wird nun vollzogen. Lass uns gehen.“
Elle funkelte ihn wütend an. Sie gehorchte jedoch, ließ sich von ihm abführen und durch die Menge treiben. Sie wusste, dass sie für ihre Aussage Ärger bekommen würde, aber das war es wert.
Im Auto stieß Eric sie stolz an. Mehr als seine Unterstützung brauchte sie nicht. Ihn glücklich zu sehen, überzeugte sie davon, das Richtige getan zu haben.
„Du kommst in Teufels Küche. Das war echt brutal.“
„Ja, was denn? Helene und Tertia reden den Medien nur nach dem Mund. Wärst du an ihrer Stelle gewesen, hätte ich alles niedergebrannt.“
Eric fuhr zurück zum Zentrum. Er grinste zufrieden, auch wenn er sich nicht so freuen durfte.
„Ich bin total auf deiner Seite. Grundsätzlich stehe ich mit einem Bein im Knast. Eine Unaufmerksamkeit und sie sperren mich weg. Das jagt mir wirklich Angst ein.“
„Mir auch. Daher musste ich den Mund aufmachen. Es ändert nichts, aber vielleicht stimmen mir ein paar Menschen zu. Dann sind wir nicht allein.“

[Nordlicht: Im Bann des kalten Leuchtens
Datum der VÖ: Mai 2023]
© Text: Hannah Mauritz;
© Cover: Schattmaier Design;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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