25. Juni 2024

Liebesbriefe an die Zukunft | Leonora Herzberg

Leseprobe

›Liebesbriefe an die Zukunft‹
Leonora Herzberg

Klappentext:

Woran erkennt man wahre Liebe?
Nico ist Realistin. Sie glaubt nicht an Märchen und erst recht nicht an Beziehungen. Sie ist Bassistin in einer Studentinnen-Rockband und spielt die Rolle der coolen Verführerin, die niemanden an sich heranlässt.
Bis ein süßes Mädchen in die WG gegenüber zieht.
Mia ist offenherzig und absolut unwiderstehlich – und an Nico interessiert. Doch ein Flirt mit ihr kommt nicht infrage. Denn Mia ist eine hoffnungslose Romantikerin und fest entschlossen, die große Liebe zu finden. Voller Optimismus schreibt sie fiktive Liebesbriefe an ihre zukünftige perfekte Partnerin.
Nico will Mia warnen, ehe sie aus ihren rosaroten Wolken fällt und sich das Herz bricht. Doch Mias einfühlsame Art geht ihr unter die Haut und offenbart Gefühle, die sie bisher verborgen hielt.
Bald steht Mia vor Entscheidungen, die viel schwerer sind als im Märchen. Denn die zynische Nico ist das Gegenteil einer Traumprinzessin. Kann sie trotzdem die Richtige für Mia sein?

© Leonora Herzberg

Ein dumpfes Poltern riss Nico aus dem Schlaf. Sonnenlicht fiel durch das Fenster auf ihr Gesicht, doch sie drehte sich stöhnend um und rollte sich zusammen. Ihr Kopf dröhnte. Nach dem Auftritt im Club gestern Nacht brauchte sie dringend Erholung.
Wieder dröhnte ein lautes Rumpeln durch das Treppenhaus. Mit einem dumpfen Schlag traf etwas ihre Tür. Nico stöhnte. Blind tastete sie nach dem Kissen und drückte es auf ihr Gesicht. War es denn zu viel verlangt, ein wenig Ruhe zu finden?
Ihr Wunsch wurde nicht einmal für fünf Minuten gewährt. Diesmal erschallte ein Scheppern von draußen auf der Straße. Eine hohe Stimme rief: »Mist!«
Nico stöhnte erneut. Sie richtete sich auf und warf einen Blick aus dem Fenster. Auf der Straße vor dem Haus stand ein gemieteter Kleintransporter. Ein Umzug—das erklärte den Lärm.
Nico entschloss sich zähneknirschend, aufzustehen. Nach einem kurzen Ausflug ins Bad zog sie eine Hose an, streifte eines ihrer zahlreichen Bandshirts über sah noch einmal aus dem Fenster.
Inzwischen ragte ein massiver Schreibtisch zur Hälfte aus dem Transporter heraus. Er sah aus, als sei er doppelt so schwer wie die kleine, blonde Frau, die ihn in diesem Moment anzuheben versuchte. Nico erkannte sofort, dass es hoffnungslos war. Warum wartete die da unten nicht, bis ihre Helfer mit anpackten? Oder war sie etwa so idiotisch, das Ding ganz allein stemmen zu wollen?
Der missgelaunte Teil in ihr riet ihr, sich abzuwenden, sich zuerst einmal einen Kaffee mit sehr viel Zucker zu machen und sich nicht weiter um das Umzugsdrama zu kümmern. Doch die Aktion da draußen sah nicht nur vergeblich, sondern geradezu gefährlich aus. Nico hatte keine große Lust, nachher den Rettungswagen zu rufen, weil jemand unter einem tonnenschweren Schreibtisch begraben war.
Seufzend griff sie nach ihrem Schlüssel, verließ ihre Wohnung und ging nach unten.
Als sie aus der Haustür trat, hatte die Frau ihre Bemühungen aufgegeben und saß am Straßenrand. Sie hatte den Kopf auf die Arme gelegt. Seidiges, weißblondes Haar fiel über ihre Schultern und verbarg ihr Gesicht. Ihrer zusammengesunkenen Körperhaltung nach zu urteilen, war sie völlig verzweifelt.
Nico schob die Hände in die hinteren Hosentaschen und trat näher.
»Hey«, sagte sie.
Die andere reagierte nicht sofort. Vielleicht hatte sie Nico nicht gehört. Nico räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Hey. Das da ist zu schwer für eine Person. Soll ich mit anpacken?«
Nun hob die Frau den Kopf und sah zu Nico. Sie war jung, vielleicht höchstens zwanzig—und dazu ziemlich attraktiv.
Besser gesagt: süß, korrigierte Nico sich.
Sie hatte ein herzförmiges Gesicht, rundliche Wangen und ein niedliches kleines Kinn. Ihre Augen strahlten in einem hellen Blau. Bei diesem Anblick hob sich Nicos Laune gleich ein wenig. So eine hübsche Nachbarin hieß sie gerne im Haus willkommen. Vielleicht würde sich dieses Wochenende doch noch zum Besseren wenden?
»Oh, hallo«, sagte die junge Frau mit leiser Stimme. »Ich … Ich glaube, ich könnte wirklich Hilfe gebrauchen.«
Spätestens jetzt schmolz der Rest von Nicos Ärger über die frühe Störung dahin.
»Dann ist es gut, dass ich hier bin«, sagte Nico, grinste ihr ermutigend zu und streckte die Hand aus.
Die andere ergriff sie und ließ sich von ihr auf die Beine ziehen. Ihre Haut fühlte sich unglaublich weich an. Nicos Herz schlug ein klein wenig schneller.
Die junge Frau blickte verlegen nach unten und strich kurz über ihr gemustertes Sommerkleid, um den Staub der Straße abzustreifen. Nico runzelte die Stirn über ihr Outfit. Wer kam auf die Idee, in einem dünnen Kleid einen Umzug stemmen zu wollen?
»Und du … wohnst du hier?«, fragte das Mädchen und schaut Nico plötzlich etwas unsicher an.
Nico hob die Brauen. »Nein, ich bin Einbrecherin und mach gerade Feierabend.«
Das Mädchen starrte sie an, aber Nico lachte. »Blödsinn, natürlich wohne ich hier. Und du bist offensichtlich meine neue Nachbarin.«
Jetzt lächelte die junge Frau. »Genau. Ich heiße Mia Baumgärtner.«
[…]

»Ich hätte nie gedacht, dass mir jemand so heldenhaft zu Hilfe eilt«, sagte Mia, während sie in den Transporter kletterte und mit einer Schreibtischlampe herauskam. Der dankbare Blick, den Mia ihr zuwarf, war Balsam für Nicos verletztes Ego. Vor allem nach der Blamage letzte Nacht. Im Schein von Mias Bewunderung richtete sich ihr geknicktes Selbstbewusstsein wieder auf.
»Einer Prinzessin in Nöten kann ich einfach nicht widerstehen«, sagte Nico. Sie hob einen großen Karton an.
»Du siehst aber gar nicht wie ein weißer Ritter aus«, sagte Mia. Gleich darauf errötete sie und hob die Hand vor den Mund. »Entschuldige. Das sollte nicht komisch klingen. Ich meinte …«
Sie deutete auf Nicos Slayer-T‑Shirt mit den Totenköpfen darauf.
Nico grinste. »Ich bin eher ein Raubritter in schwarzer Rüstung, hm?«
»Genau«, stimmte Mia zu und lachte.
Nico gab der Versuchung nach, sie ein wenig zu necken. »Und, Prinzessin—wäre dir ein galanter Prinz lieber gewesen?«
Mias Wangen färbten sich noch intensiver rot.
»Eigentlich bevorzuge ich die Ritterin«, sagte sie mit einem kecken Lächeln, wie um ihre Verlegenheit zu überspielen.
Nico grinste schief. »Na dann, pass auf, dass ich dich nicht auf meine Burg entführe!«
[…]
 Als Mia ins Schlafzimmer kam, umgab sie der Duft aus Pfirsich und Vanille. Ihre Haare waren nass, und sie war in nichts als ein flauschiges Handtuch gewickelt.
Wie magisch wurde Nicos Blick von Mias Körper angezogen, der in dem Handtuch sogar noch kurviger und verführerischer aussah. Der Saum bedeckte gerade so ihre weichen, hellen Oberschenkel. Nicos Puls beschleunigte sich. Ihr ganzer Körper kribbelte.
Versuchte Mia gerade, sie zu verführen?
Bei jeder anderen Frau wäre Nico sicher gewesen, dass ihr Auftritt eine Einladung zu einem One‑Night‑Stand sein sollte. Merkte Mia nicht, welche Wirkung sie auf Nico hatte? Oder war das Teil eines Spiels? Nico musste es herausfinden.
»Machst du dir gar keine Sorgen?«, fragte sie.
»Sorgen?«, fragte Mia unschuldig.
Nico sah wieder zu ihr und hob vielsagend die Augenbrauen.
»Ich könnte … die Situation ausnutzen.«
»Was meinst du?«, fragte Mia. »Dass du mich beklaust oder so etwas, während ich unter der Dusche stehe?«
Sie kicherte leise, als wäre diese Vorstellung absurd.
»Ich meinte, dass ich dir dein Handtuch vom Leib reiße.«
Mias Augen weiteten sich einen Augenblick, dann errötete sie und lachte. »Das würdest du doch nicht tun! Und wenn, dann hättest du das ja mit dem Kleid genauso machen können.«
War das eine Einladung? Mia brauchte nur ein Wort zu sagen, und Nico würde es tun, hier und jetzt.
»Realistisch betrachtet ist es jetzt auch nicht gefährlich als vorhin, oder? Außerdem bist du ja meine Nachbarin«, sagte Mia leichtherzig. »Also brauche ich mich wohl kaum vor dir zu fürchten.«
Nico hielt inne, der Satz irritierte sie. Was war das denn für eine Logik? Glaubte Mia, dass sie harmlos war, nur weil sie zufällig im gleichen Haus wohnte? Sie hatte schon einige zwielichtige Nachbarn gehabt, Fahrraddiebe, Junkies und vielleicht auch Schlimmeres.
Mia fuhr fort: »Ich meine, du würdest ja kaum ein Verbrechen begehen und damit davonkommen. Ich weiß ja, wo du wohnst!«
Mia zwinkerte Nico zu. Nico konnte es kaum glauben. Sie würde niemals jemandem vertrauen, nur weil er nebenan wohnte.
Jeder Gedanke an einen Flirt war erst einmal in den Hintergrund gerückt. Stirnrunzelnd betrachtete sie Mia. Diese hatte ihr zweites Handtuch weggelegt und lächelte Nico an. Die feuchten, hellblonden Spitzen ihrer Haare kringelten sich in alle Richtungen und ließen sie noch süßer aussehen. Nico wollte Mia nicht beunruhigen und vor allem ihr Lächeln nicht verschwinden sehen. Doch sie musste einfach nachhaken.
»Sag mal, Mia …«, Nico räusperte sich. »Du bist also ganz allein nach Berlin gekommen?«
Wenn sie immer so vertrauensselig war, würde sie jemanden brauchen, der sie ermahnte, in der großen Stadt etwas vorsichtiger zu sein. Vielleicht sollte sie auf Mia aufpassen.
»Genau.« Mia setzte sich neben Nico auf das Bett, das leicht federte. »Noch kenne ich fast niemanden hier. Aber das wird bestimmt nicht so bleiben! Ich hoffe, dass ich viele tolle Menschen kennenlerne, Freunde finde … vielleicht auch meine große Liebe.«
Das warme Prickeln in Nicos Bauch löste sich auf. Stattdessen breitete sich ein flaues Gefühl in ihrer Magengrube aus.
»Deine … großen Liebe«, wiederholte sie. Ihr Blick schweifte durch den Raum, über die Lichterketten und das kitschige Paris-Poster. Ihr Kiefer spannte sich an, und ihr wurde flau im Magen. Sie hätte es wissen müssen. Mia war eine hoffnungslose Romantikerin.

[Liebesbriefe an die Zukunft | Datum der VÖ: 03. Dezember 2021]

© Text & Cover: Leonora Herzberg
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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