23. Juli 2024

Liebe vom Aussterben bedroht | Christoph Seibitz

Leseprobe

›Liebe vom Aussterben bedroht‹
Christoph Seibitz

Klappentext:

Obwohl Liem jahrelang keinen Kontakt mit ihm hatte, träumt er oft von Fabian Giovannini, seiner ersten Liebe. Einem Halb-Italiener. Gegen ihn ist jede neue reale Liebe chancenlos – bis zur Hochzeit seines besten Freundes. Liem begegnet dort Armin, einem Umweltaktivisten und Naturliebhaber mit blondem Wuschelkopf. Führt dieser den entscheidenden Wendepunkt herbei? Es scheint so. Liems Herz erwacht aus einem langen Schlaf. Doch auch Fabian Giovannini schläft nicht. Seine Gedanken an Liem lassen ihm keine Ruhe. Sechs Sommer und zwei Winter lang erzählt Christoph Seibitz eine fesselnde Geschichte über Liem und sein Umfeld. In Rückblenden erfährt man die Anfänge zwischen Liem und Fabian. Parallelen verbinden das Damals mit dem Heute.

© Christoph Seibitz

Niko schaute auf seine Armbanduhr. Zum achten Mal. Ihm war heiß vor Anspannung, denn seit fünf Minuten sollte Paula in der Kirche sein. Mit einem Taschentuch tupfte er die Schweißperlen von der Stirn und steckte es zurück in sein Sakko, das grau und tailliert war. Zweimal strich er darüber – von oben nach unten. Mit der anderen Hand hielt er den Brautstrauß, den er so gerne seiner zukünftigen Frau überreichen möchte. Hatte Paula kalte Füße bekommen, es sich anders überlegt? Aber sie hatte doch die Hochzeit kaum erwarten können. Nein, etwas musste dazwischengekommen sein. Hoffentlich kein Unfall.
Die Gäste tuschelten miteinander, linsten dabei besorgt zu Niko. Auf unangenehme Art und Weise stand er im Mittelpunkt. Irgendwie musste er diese klägliche Situation überspielen. Vielleicht mit einem Lächeln. Oder mit Worten, die die Versammelten und vor allem ihn beruhigten. Aber niemand, absolut niemand würde ihm dieses Schauspiel abkaufen, seine verkrampfte Haltung verriet seine Anspannung. Neue Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet, den Glanz davon konnten sogar die Gäste in den hintersten Bankreihen erkennen. Niko musste nichts vorgaukeln, am wenigsten sich selbst. Vielleicht hatte Paula ihm die vergangenen Jahre ein Theater vorgespielt. Ihn zum Narren gehalten.
Ein weiterer Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass die Zeremonie vor sechs Minuten hätte beginnen sollen. Er griff in seine Hosentasche und sah möglichst unauffällig auf sein Handy. Weder ein Anruf noch eine Nachricht.
Liem hielt ihm ein frisches Taschentuch hin, bekam aber nur ein Kopfschütteln zurück. Kopfschütteln. Danach wäre ihm auch. Als sein Trauzeuge fühlte er sich nutzlos. Er wollte Niko helfen, etwas tun oder sagen, aber ihm fiel nichts Passendes ein. So begann er, ohne sich darüber bewusst zu sein, am Nagel seines linken Daumens wie eine Maus an einem Stück Käse zu knabbern.
Ein Räuspern des Pfarrers. Mit dem Geräusch wollte er wohl die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Als sich Niko und Liem gleichzeitig umdrehten, glotzte der kahlköpfige Geistliche beide an. Seine Glupschaugen weiteten sich, verlangten eine Antwort auf die Frage, wo die Braut blieb. Niko zuckte mit den Schultern. Er ging zwei Schritte auf Liem zu und flüsterte ihm ins Ohr: »So ein Dreck! Was mach ich jetzt, Kleiner?«
Liem seufzte. Hitze wallte durch seinen Körper. »Vielleicht gehst du raus und rufst sie an?«, erwiderte er flüsternd.
»Es ist so peinlich, da durchzulatschen.« Mit seinem Kopf deutete Niko zum Gang. Links und rechts davon die gefüllten Bankreihen. Mit geladenen Gästen. Sie bildeten ein Spalier, durch das er gehen musste, wenn er aus der Kirche raus wollte. Neugierig schaute sich die Hochzeitsschar um, ihre Blicke wanderten von Niko zum Kirchentor hin und zurück. Doch das Tor bewegte sich nicht. Es blieb zu. Die Braut schwebte nicht hindurch. »Was habe ich nur verbrochen?« Niko strich erneut über sein Sakko, von oben nach unten. Zweimal.
»Ahm, ich komme mit raus«, murmelte Liem.
»Danke, Kleiner!«
Während der glatzköpfige Pfarrer mit einem Grummeln in der Sakristei verschwand, eilten Niko und Liem an den Hochzeitsgästen vorbei – ein Weg der Schande. Mit aufgesetztem Lächeln versuchte Niko die missliche Lage zu kaschieren. Einen mitleidigen Blick erhielt er von seinen Eltern, als er bei ihnen vorbeiging. Dass sein älterer Bruder fehlte, registrierte er nicht.
Liem schaute auf den Boden und zählte die Schritte mit. Es war ein Tick von ihm. Zählen. Dreiundzwanzig Schritte waren es bis jetzt, und es fehlten nur noch wenige Meter bis zum Ausgang. Als Niko das Kirchentor öffnete, war Liem bei vierunddreißig angelangt. Vierunddreißig lange Schritte. Beide waren froh, im Freien zu sein. Kein Getuschel mehr. Palmen umgaben den Platz vor der Kirche, dazwischen standen einige gelbgestrichene Bänke. Die Meeresluft strömte aufdringlich in ihre Nasen. Möwen kreisten in der Luft.
Kriäh! Kriäh!

»Was für eine Scheiße? Wo ist sie nur?« Jede Bemühung zu flüstern, hatte Niko in der Kirche zurückgelassen. Er fischte sein Handy aus der Hosentasche und rief Paula an, während Liem an seinem rechten Daumennagel nagte.
Kriäh! Kriäh!
Keine Antwort. »Pffff!« Niko schürzte die Lippen und begann mit den Fingern an seine Stirn zu klopfen. Die Schweißperlen darauf glänzten weiterhin.
»Paulas Mutter war in der Kirche. Ihr Vater nicht, aber der sollte doch Paula zum Altar bringen. Vielleicht sind sie aufgehalten worden?« Liem versuchte mit Geschwafel, seinem besten Freund einen Funken Hoffnung zu geben.
Niko setzte sich auf eine Bank, legte den Brautstrauß neben sich und faltete seine Hände zusammen. Sein Blick schweifte in die Ferne, ins Leere. »Scheiße! Ich habe kein gutes Gefühl.«
Plötzlich klingelte das Handy. Ein Anruf.
Liem nahm seinen Daumen aus dem Mund und lauschte. Doch Niko nickte nur. Gab kein Geräusch von sich. Das Telefonat dauerte wenige Momente, dann steckte er das Handy zurück in seine Hosentasche.
Stille. Unerträglich lange. Gute Zeichen sahen anders aus.
»Was ist passiert?«
»Sie kann nicht«, sagte Niko … zu emotionslos. Doch plötzlich knallte er den Brautstrauß auf den Asphalt – diese Reaktion war angemessener – und rannte davon.
»Nikooo. Wo willst du hin?«, rief Liem ihm hinterher.
»Ins Hotel. Ich muss wissen, was los ist.« Niko rannte unbeirrt weiter.
»Und die Gäste?«
Keine Antwort. Liem seufzte und fuhr sich durch sein braunes, mittellanges Haar. Das Los des Trauzeugen: die Hiobs-Botschaft verklickern. »Oh Mann!« Er bückte sich und griff nach dem Brautstrauß. Seine Finger strichen über die weißen Rosen. Zart. Dann zupfte er das Bukett zurecht, was ihn etwas beruhigte. Die geplatzte Hochzeit war ein weiterer Beweis für Liem, dass ewige Liebe eine Lüge war. Ein Hirngespinst. Auf dem Weg zum Kirchentor retour, zählte er erneut die Schritte. Er machte extra kleine Schritte, um das Bevorstehende hinauszuzögern. Vielleicht geschah in letzter Sekunde ein Wunder, und das Brautpaar tauchte doch auf. Neunundzwanzig kleine Schritte. Der Griff zum Tor war nur noch wenige Zentimeter entfernt. Das Wunder blieb aus. Es gab keine Erlösung aus dieser Misere. Er musste die Gäste von der Illusion einer Trauung befreien. Statt der Braut betrat zwölf Minuten später Liem die Kirche. Das Tuscheln hörte auf, es wurde mucksmäuschenstill. Alle Köpfe drehten sich zum Trauzeugen des Bräutigams hin. Er stand im Mittelpunkt und hasste es. Dementsprechend wenig Worte wählte er aus: »Ahm, es gibt leider keine Hochzeit. Mehr weiß ich nicht.«
Die Gäste in den vorderen Bankreihen verstanden Liem nicht, da er zu leise gesprochen hatte. Trotzdem verbreitete sich seine Nachricht rasch, sprang von Bankreihe zu Bankreihe nach vorne. Ein Dominoeffekt, bei dem die Leute nicht umfielen, sondern nacheinander raunten. Einige empörten sich über die geplatzte Hochzeit. Dann ging alles drunter und drüber, viele drängten sich an Liem vorbei und eilten nach draußen. Liem schleppte sich nach vorne zur Kanzel, schließlich musste er auch den Pfarrer informieren. Immer wieder hielten Gäste ihn auf und fragten, ob er denn nicht mehr wisse. Er schüttelte den Kopf. Die Kirche leerte sich, Ruhe kehrte ein. Liem blieb kurz vor dem Traualtar stehen. Seine Gedanken kreisten um Niko. »Das ist eine Katastrophe«, nuschelte er.
»Ja, das ist es wirklich.«
Liem erschrak. Ein blonder Wuschelkopf stand plötzlich vor ihm. Mit hellblauen Augen. Er hatte ihn noch nie gesehen.

[Liebe vom Aussterben bedroht
Datum der VÖ: 01. Dezember 2022]

© Text: Christoph Seibitz
© Cover: Philip Mohila
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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