25. Juni 2024

Leseprobe Sektflöte und Pommesgabel | Sabine Brandl

Exklusive Leseprobe

›Sektflöte und Pommesgabel‹
Sabine Brandl

Klappentext:

Alice’ Liebesleben ist ein Chaos – nicht nur, dass sie nach acht Jahren ihrer großen Liebe Joanna wiederbegegnet, auch die Anmeldung bei der Online-Partnerbörse Queer-Elite und ein unerwarteter Annäherungsversuch einer Mitbewohnerin aus der WG führen zu Turbulenzen. Ablenkung vom Liebes-Trubel sucht sie bei Jacky, der Neuen aus der WG, einer Metal-Sängerin, die sie immer mehr in ihre musikalische Welt mitnimmt. Doch Alice bleibt weiterhin fixiert auf Joanna: Kann sie deren Versprechen trauen? Liegt das große Glück greifbar vor ihr? Oder wartet schon die nächste Enttäuschung? Es kommt zu einigen Überraschungen, die Alice die Augen öffnen und sie für ihre Liebe kämpfen lassen.

© Sabine Brandl

Alice machte eilig mit ihren Händen das Cut–Zeichen. »Bitte seid friedlich! Lasst uns erst schauen, ob die Bewerberin überhaupt kommt, und wenn ja, ob sie für uns in Frage kommt. Wenn nicht, dann können wir ja gemeinsam überlegen, wie wir unsere Suche weiter gestalten. Aber jetzt herumzustreiten bringt doch gar nichts.«
Olga schnaufte tief durch. »Hast recht. Ich versuche Franzis unangebrachte Bemerkungen einfach zu ignorieren. Wie so oft. Weil es eh’ nichts bringt.«
Franzi verdrehte die Augen. »Ja, ja, schon gut, Mäuschen.«
»Lass uns beide einfach ruhig und offen bleiben, so wie Alice. Und erst einmal davon ausgehen, dass die Bewerberin nett ist. Sie hat immerhin einen hübschen Namen, nicht? Jacqueline, das klingt zart und feminin …«
»Tja, nun ist es aber fast zwanzig nach drei«, brummte Franzi. »Ob das noch was wird mit dieser Scha–kööö–linö?« Sie zog den Namen veralbernd in die Länge, um Olga zu nerven.
Die quittierte Letzteres mit einem stechenden Blick. »Oh, wirklich schon so spät?«, rief sie nach einem Blick auf die Uhr. »Ich glaube meine Plätzchen bleiben heute doch im Schrank.«
Genau in dem Moment ertönte die Klingel.
»Gut.« Franzi straffte die Schultern. »Alle bereit? Ich mache auf. Bleibt ihr beide in der Küche, damit wir sie nicht gleich zu dritt überfallen.«
»Huch, ist das spannend«, piepste Olga und ihre Miene erhellte sich. Sie wedelte aufgeregt mit der rechten Hand. »Ja, mach nur, geh schon – geh!«
Franzi verließ die Küche, ließ aber die Tür offenstehen, sodass Alice und Olga die Begrüßung im Flur mithören konnten. Natürlich spitzten nun beide gespannt die Ohren.
»Oh … äh … hallo, sind Sie Frau Möller?«, hörten sie Franzis Stimme. Sie klang sehr verdutzt.
»Ja, bin ich. Können wir uns duzen? Ich heiße Jacky.«
»Äh … ja. Ich bin Franzi. Komm doch rein. Meine beiden Mitbewohnerinnen warten in der Küche.«
Dann wurde die Haustür geschlossen. Franzi sagte: »Deine Jacke kannst du hier aufhängen.« Im nächsten Moment näherten sich der Küche Schritte und ein leises Rasseln. Nun erschien Franzi mit blassem Gesicht und großen Augen und hinter ihr: Jacky.
Das Erste, was Alice ins Auge fiel, war Jackys blaue Mähne, die wild über ihre linke Kopfseite fiel. Die rechte Seite war ausrasiert und mit einem Drachen-Tattoo versehen, am Ohr hingen mehrere silberne Creolen. Ihre Augenbrauen waren ebenfalls blau gefärbt und es steckte je ein Ring im rechten Nasenflügel und mittig in der Unterlippe. Ihre Hautfarbe war nicht gerade rosig und das dunkle Augenmakeup ließ ihr Gesicht zusätzlich blass erscheinen. Sie trug einen schwarzen Kapuzenpulli mit dem roten Aufdruck »WTF?«, über ihren Hals wand sich ein schlangenförmiges Tattoo. In ihrer schwarzen Lederhose steckte ein breiter Nietengürtel, an dem einige Kettchen baumelten, die bei jedem ihrer Schritte leise klirrten. An ihren Füßen trug sie schwarze Boots mit großen silbernen Schnallen. Jacky war von durchschnittlicher Größe, aber schlank und zierlich. Dennoch strahlte ihre ganze Person Wildheit, Kraft und eine gute Portion »Ist–mir–egal« aus, gleichzeitig aber auch Ruhe und Gelassenheit. Mit einem leisen Schmunzeln sah sie in die verblüfften Gesichter von Alice und Olga.

»Äh – das ist Jacky«, stammelte Franzi nun und deutete dann auf ihre Mitbewohnerinnen. »Jacky, das ist Alice und das Olga.«
»Hallo, Leute. Tut mir leid wegen der Verspätung. Hab mich vorhin ein wenig verfranzt.«
Nachdem Franzi keine Anzeichen machte, sich weiter um ihren Gast zu kümmern, erhob sich Alice. »Freut mich, dich kennenzulernen. Setz dich zu uns. Willst du Kaffee?«
»Och ja, gerne«, erwiderte Jacky und nahm gegenüber von Alice und neben Olga am Küchentisch Platz. Das Klirren hörte auf. Franzi setzte sich ebenfalls, jedoch mit einem deutlichen Sicherheitsabstand zu Jacky. Fast saß sie auf Alice’ Schoß.
»Milch und Zucker?«, fragte Alice.
»Nur Zucker. Zwei Stück. Danke.«
Unglaublich, wie strahlend grün Jackys Augen waren, überlegte Alice. Ob die Farbe echt war? Oder trug sie farbige Kontaktlinsen? Bei all dem anderen Körperkult, den sie betrieb, den Tattoos, Piercings und gefärbten Haaren wäre das doch gut möglich … Eine leichte Gänsehaut fuhr Alice über den Körper. Diese Jacky war auf jeden Fall eine spannende Person mit einer echt außergewöhnlichen Ausstrahlung … Wow! Sie war neugierig darauf, sie näher kennenzulernen, und reichte Jacky die Tasse. »Wenn du Plätzchen magst, bedien´ dich.«
Franzi und Olga blieben weiterhin stumm und weitgehend starr und Alice hatte das Gefühl, dass sich das so schnell nicht ändern würde. Somit musste sie wohl fürs Erste die Gesprächsführung übernehmen.
»Wir möchten dich natürlich ein wenig kennenlernen, Jacky. Erzähl mal — lebst du momentan schon in München? Und wie kommt es, dass du umziehen möchtest?«
»Ja, ich wohn schon seit ein paar Jahren in München, aber derzeit in `ner echten Bruchbude. Seit Wochen ist die Heizung kaputt, die Fenster sind undicht und es gibt maximal lauwarmes Wasser. Dem Vermieter ist das egal, der macht von sich aus gar nichts, und ich hab nicht die Kohle, da groß was zu investieren. Jetzt im Winter wird´s halt langsam ungemütlich. Bis Ende Dezember ist die Miete noch bezahlt, dann hab ich zwei Wochen Urlaub, wo ich aber eh bei `nem Kumpel bin. Wär schön, wenn ich ab Mitte Januar `ne neue Bleibe hätt.«
»Das kann ich verstehen, dass du da raus willst. Ohne Heizung und heißes Wasser — bei der Kälte momentan — das muss echt hart sein. Das würde ich keine Woche aushalten.«
»Hm ja — man gewöhnt sich irgendwie dran. Aber es geht sicher auch angenehmer.«
Alice nickte. »Bestimmt. Erzähl uns doch ein bisschen mehr von dir – oder sollen wir uns erst mal genauer vorstellen?«
»Nö, ich kann schon weitermachen. Also was soll ich sagen? Ich arbeite in ‘ner Kneipe und ansonsten mache ich Musik.«
Alice nahm aus den Augenwinkeln wahr, wie Franzi neben ihr die Augen verdrehte. Olga saß noch immer wie hypnotisiert neben Jacky und regte sich nicht.

[Sektflöte und Pommesgabel | Datum der VÖ: 28. Februar 2020]

© Text und Cover: Sabine Brandl | Main Verlag;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.

© Hintergrundbildcollage:
Phil Desforges auf Unsplash & Birgit Böllinger auf Pixabay
Bildbearbeitung: Wir schreiben QUEER