25. Juni 2024

Leseprobe Just a little play | Jessica Martin

Exklusive Leseprobe

›Just a little play‹
Jessica Martin

Klappentext:

Rory und Constantin führen seit Jahren eine glückliche Beziehung. Durch die gemeinsame Firma sind die beiden auch beruflich eng verbunden und viel beschäftigt. Als Rory eines Tages durch Zufall entdeckt, dass Ageplay für ihn eine perfekte Möglichkeit darstellt, den Stress des Alltags loszulassen, stellt das ihr gemeinsames Leben ziemlich auf den Kopf. Schafft Rory es mit Constantins Hilfe, diese Seite an sich zu akzeptieren? Und ist ihre Liebe stark genug für diese Veränderung?

© Jessica Martin

Als ich in die Wohnung komme, ist alles still. Ich befürchte schon, dass Rory abgehauen ist, aber seine Schuhe stehen auf der Ablage und sein Schlüssel hängt am Haken, daher atme ich tief durch. Teils aus Erleichterung und teils, um mich vor dem zu wappnen, was gleich kommen wird.
Schlafzimmer und Wohnzimmer sind verlassen, doch in der Küche werde ich fündig. Keine Ahnung, ob er mich nicht bemerkt hat oder ignorieren will, denn er blickt nicht mal von seinem Laptop auf.
Das Bausteine-Set und den Stofflöwen hat er auf den Schrank geräumt, aber immerhin liegt beides nicht im Müll.
»Babe?«, sage ich leise.
Er zuckt tatsächlich zusammen, daher hat er mich wohl wirklich nicht reinkommen gehört. »Was willst du denn schon hier?«
»Mit dir reden.« Ich gehe langsam auf ihn zu, fast so, als würde ich mich einem verängstigten Tier nähern.
Allerdings benimmt er sich auch so, denn er springt vom Stuhl und weicht hinter die Kochinsel zurück. »Ich hab noch mehr als genug Arbeit auf dem Tisch.«
»Es ist Donnerstag«, erinnere ich ruhig.
Mit grimmigem Blick beißt er die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefermuskeln sich sichtlich anspannen. »Lass mich einfach in Ruhe.«
»Nein, werd ich nicht. So wie es jetzt ist, können wir nicht weitermachen.« Ich gehe zu ihm und diesmal zuckt er nicht zurück, sondern lässt die Schultern hängen. »Ich liebe dich. Egal, was in dir vorgeht, bitte schließ mich nicht aus. Wir finden eine Lösung für das, was dich gerade so fertigmacht, aber dafür müssen wir darüber reden.«
Er meidet meinen Blick und vergräbt die Hände in den Taschen. »Ich kann aber nicht darüber reden.«
Unschlüssig, was ich jetzt tun soll, bleibe ich vor ihm stehen. Er sieht absolut hilflos aus, lässt mich aber einfach nicht an sich ran. Es ist, als hätte er eine Mauer um sich herum errichtet. Ich verstehe jedoch absolut nicht, wieso.
Privat und beruflich den ganzen Tag zusammen zu sein, ist nicht einfach. Da ist man schnell genervt und geht sich irgendwann wegen Kleinigkeiten an die Gurgel. Das alles war uns bewusst, als wir uns für die Agentur entschieden haben.
Genau aus diesem Grund waren wir uns immer einig, dass wir offen und ehrlich miteinander sind. Nur deswegen funktionieren wir so gut zusammen. Dass er jetzt so dichtmacht, noch dazu wegen ein paar Bauklötzen, passt absolut nicht zu ihm.
Aber vielleicht komme ich genau darüber wieder an ihn ran. Einen Versuch ist es zumindest wert.
Entschlossen schnappe ich ihn mit der einen und das LEGO-Set mit der anderen Hand. »Na schön, dann baust du erst das Karussell auf und wir reden später«, sage ich, woraufhin er sofort beginnt zu protestieren. Davon unbeirrt ziehe ihn hinter mir her ins Wohnzimmer, nehme ein Kissen vom Sofa und lege es auf den Boden. »Setz dich, bitte.«
Rory schluckt und starrt das Kissen einen Moment lang unschlüssig an, setzt sich dann aber im Schneidersitz darauf und wirft mir einen grimmigen Blick zu. »Zufrieden?«
»Gleich«, antworte ich und öffne die Verpackung, um die Tüten mit den Bausteinen und das Anleitungsheft herauszuholen. Rory lässt mich dabei nicht eine Sekunde aus den Augen und schluckt schwer, als ich die Steine vor ihm auskippe und das Heft aufgeschlagen vor ihn lege.
»Constantin«, flüstert er kopfschüttelnd und blickt verzweifelt zu mir auf. »Lass den Scheiß.«
Lächelnd setze ich mich ebenfalls auf den Boden, lehne mich gegen die Seitenlehne der Couch und strecke die Beine aus. »Fünf Minuten. Wenn du dann wirklich keine Lust hast, kannst du meinetwegen aufhören.«
Rory zögert und mir kommen Zweifel, ob ich das Richtige tue. Mit angehaltenem Atem warte ich auf seine Reaktion. Zu meiner Erleichterung beugt er sich einen Moment später aber tatsächlich über die Anleitung und beginnt, den Steinehaufen nach den richtigen Teilen zu durchwühlen. Es dauert nicht lange, da ist er so in sein Tun vertieft, dass er vergisst, grimmig zu gucken.

Stattdessen glätten sich seine Züge und als er den ersten Bauabschnitt geschafft hat, stiehlt sich sogar ein Lächeln auf seine Lippen. Ich könnte jubeln vor Begeisterung, aber das würde ihn aus seinem Spiel und der Entspannung reißen, daher begnüge ich mich damit, in mich hineinzulächeln und ihn zu beobachten.
Nach einer Weile blickt er auf und presst die Lippen aufeinander, bevor er verlegen lächelt. »Bauen macht ganz schön durstig«, murmelt er, was mich zum Lachen bringt.
»Ich hol dir was«, verspreche ich, damit er gar nicht erst aus seiner Welt auftaucht, und flitze in die Küche.
Während ich ihm ein Glas Apfelsaft eingieße, fällt mein Blick auf den Stofflöwen, der einsam auf der Arbeitsfläche sitzt. Kurzerhand schnappe ich ihn und nehme ihn mit ins Wohnzimmer. Rory beobachtet mich argwöhnisch, sagt aber nichts.
»Pass auf, dass du es nicht umkippst, ja?«, bitte ich und stelle das Saftglas neben ihm ab. Allein schon die Tatsache, dass er angesichts der drohenden Gefahr für den Teppich nicht sofort durchdreht, bringt mich dazu, ihm den Stofflöwen hinzuhalten.
Er zögert kurz, dann greift er nach dem Plüschtier und klemmt es sich unter den Arm, bevor er mit der anderen Hand das Saftglas nimmt. »Danke.«
»Wie weit bist du denn schon?«, will ich wissen, als er getrunken hat und sich wieder über die Anleitung beugt.
»Ich hab alle Figuren, die Bank, den Ticketschalter und den Großteil vom Grundgerüst fertig«, antwortet er leise und schlägt das Heft zu, um mir auf dem Cover zu zeigen, was er meint. »Aber die Gondeln fehlen noch und der Teil der Konstruktion, um den sie sich dann drehen.«
»Ich bin gespannt, wie es aussieht, wenn es fertig ist«, sage ich ehrlich.
Kurz blickt er mich noch mal abwartend an, vertieft sich aber schnell wieder ins Bauen. Ich kann regelrecht spüren, wie er sich mit jedem Teil, das er festdrückt, mehr entspannt, und das macht mich wiederum unglaublich glücklich.
Ich liebe ihn so, wie er ist, und würde meinen pedantischen, etwas zugeknöpften Rory um nichts in der Welt hergeben. Jahrelang haben das Studium und unsere Agentur unsere volle Aufmerksamkeit gebraucht und das war völlig in Ordnung, denn wir haben all das zusammen geschafft. Er ist mein Ruhepol und erdet mich, wenn ich das Gefühl habe, dass die Welt sich ein bisschen zu schnell dreht. Gleichzeitig hat er kein Problem damit, mich darauf hinzuweisen, wenn ich Mist mache.
Aber es beruhigt mich ungemein, zu erleben, dass er auch eine kindliche, verspielte Seite hat und den Alltag mal für einen Moment hinter sich lassen kann. Immerhin baut er seit fast anderthalb Stunden an dem Karussell und hat noch nicht einmal auf sein Handy geguckt oder an seinen Laptop zurückgewollt.
»Hast du was zum Mittag gegessen?«, will ich nach einer Weile wissen. Es ist zwar eher Kaffeezeit, aber ich hatte vorhin nur Zeit für ein belegtes Brot. Der Rest steht noch im Kühlschrank in der Agentur und bis heute Abend hängt mir der Magen bestimmt in den Kniekehlen.
»Nein. Hatte keinen Hunger«, murmelt er schulterzuckend.
Verständnisvoll lächle ich. »Und wie sieht es jetzt aus?«
»Jetzt schon.«
»Bauen macht also nicht nur durstig, sondern auch hungrig«, bemerke ich zwinkernd und stehe auf. »Ich koche uns was. Hast du einen Wunsch?«
Mit großen Augen starrt Rory zu mir hoch. »Du willst kochen?«
»Hey. Ich kann das«, entgegne ich schmollend. Ich mache es zwar nicht gerne, aber irgendwie fühle ich mich gerade danach, häuslich aktiv zu werden und meinem Lieblingsmenschen etwas zu kochen. »Also, was möchtest du?«
Er grinst frech. »Gänsebraten, Rotkohl und Klöße.«
»Nudeln mit Tomatensoße? Kein Problem.«

[Just a little play | Datum der VÖ: 12. März 2020]

© Text und Cover: Jessica Martin | Cursed Verlag;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.

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Phil Desforges auf Unsplash & Birgit Böllinger auf Pixabay
Bildbearbeitung: Wir schreiben QUEER