23. Juli 2024

Leseprobe Der Sekretär des Millionärs | Bettina Kiraly

Exklusive Leseprobe

›Der Sekretär des Millionärs‹
Bettina Kiraly

Klappentext:

In seinem Job als Elitesekretär hat Marc schon viel erlebt. Auf das Haustier eines Auftraggebers musste er allerdings noch nie aufpassen. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit, die ihn bei Mr Anders erwartet. Den Großteil des Tages hält die Ente Dagobert Marc auf Trab. Nach Sonnenuntergang macht es ihm der exzentrische Millionär schwer, sich zu konzentrieren. Ob er der Anziehungskraft zwischen ihnen nachgeben darf, obwohl Mr Anders ein Geheimnis vor ihm zu verbergen scheint?

© Bettina Kiraly

Fast eine Stunde arbeiten wir an dem Projekt und einem weiteren Schenkungsvertrag. Bevor wir das nächste Dokument beginnen können, wage ich eine Frage.
»Können wir uns kurz über Dagobert unterhalten?«
Mein Boss sortiert die Unterlagen und konzentriert sich mit gerunzelter Stirn auf ein spezielles Blatt Papier. »Ich habe gehört, dass Sie sich gut um ihn kümmern.«
»Er ist ein netter Kerl.«
Mr Anders’ Kopf zuckt nach oben. Überraschung zeigt sich auf seinem Gesicht. »Ein netter Kerl?«
»Eine seltsame Formulierung, ich weiß«, gestehe ich. »Natürlich kann man sich nicht mit ihm unterhalten. Trotzdem habe ich den Eindruck, als würde er mich verstehen. Er wirkt intelligent, humorvoll. Keine Ahnung, wie das möglich ist, aber je länger man Zeit mit ihm verbringt, desto leichter gelingt es, mit ihm zu kommunizieren.«
Die Augenbraue von Mr Anders hebt sich, doch er sagt kein Wort.
Nervös räuspere ich mich. »Nun gut. Jedenfalls habe ich mir gedacht, dass er sich ziemlich einsam fühlen muss. Beim Wandern auf dem Grundstück habe ich keine anderen Tiere gesehen. Wann war Dagobert das letzte Mal in Gesellschaft von Artgenossen?«
»Noch niemals«, antwortet Mr Anders. Er wendet sich mir zu und verschränkt die Arme vor der Brust. »Darüber machen Sie sich tatsächlich Gedanken?«
»Warum nicht? Sie drängen sich auf. Dagobert kuschelt verdammt gern. Er ist regelrecht süchtig nach Streicheleinheiten. Der Kontakt zu Menschen scheint ihm zu fehlen. Wie viel größer muss da sein Wunsch nach Zeit mit anderen … Enten sein.« Mir ist bewusst, dass mich dieses Thema nichts angeht. Ich will jedoch, dass Mr Anders versteht, dass mir die Sache wichtig ist.
»Vielleicht kehren wir besser zu unserer Arbeit zurück.«
Anscheinend muss ich deutlicher werden, damit er die Dringlichkeit meiner Bitte kapiert. »Dagobert braucht Gesellschaft. Es kann unmöglich gut sein, dass es hier keine anderen Tiere gibt. Ich weiß, ich bin kein Fachmann auf diesem Gebiet, aber wollen Sie sich nicht einmal mit einem Zoologen unterhalten?«
»Wer sagt Ihnen, dass ich das nicht schon längst getan habe?«
»Ich … also …« So schnell kann ich also ins Schwimmen geraten. Hitze kriecht über meine Wangen. »Es tut mir leid. Selbstverständlich wissen Sie, was zu tun ist. Ich hatte kein Recht, mich einzumischen.«
Das Gesicht meines Chefs wirkt reglos kühl wie schon gestern. Eine glattpolierte, nichts verratende Fassade. Er sieht mich an, ohne zu blinzeln. »Es ist in Ordnung. Es freut mich, dass Sie und Dagobert … hm … sich so gut zu verstehen scheinen. Mein Liebling ist mir verdammt wichtig.« Nach dieser Feststellung wendet er den Blick ab und widmet sich dem Text in seiner Hand.

»Warum …?« Ich beiße mir auf die Lippe. Schon wieder bin ich dabei, eine Grenze zu überschreiten.
Er sieht hoch. »Ja?«
Nervös räuspere ich mich. »Warum wollen Sie dann, dass ausgerechnet ich mich um ihn kümmere? Weshalb haben Sie keinen Angestellten, der ganz für ihn da ist? Nach diesem Auftrag muss er sich schließlich wieder an jemand anderen gewöhnen.«
»Dagobert kann sich an wechselnde Betreuer anpassen. Er hat kein Problem damit, glauben Sie mir. Ich weiß Ihre Sorge jedenfalls zu schätzen.«
Ich nicke langsam, weiß nicht, welche Reaktion er von mir erwartet.
»Dabei handelt es sich um keine Floskel«, fährt er fort. »Dagobert ist meine Familie. In der nächsten Zeit gehören Sie ebenfalls dazu.«
Diese Worte berühren mein Herz. Natürlich bedeutet das nicht das, was meine Ohren hören wollen. Mr Anders macht damit kein Versprechen, auf das ich mich verlassen sollte. Es ist dämlich, dass die Formulierung meinen Puls zum Rasen bringt.
Familie. Das ist etwas, das ich immer vermisst habe. Meine Eltern habe ich sehr früh verloren. Als Einzelkind musste ich mich in jungen Jahren allein zurechtfinden. Ich habe mich danach gesehnt, mich anderen Menschen zugehörig zu fühlen. Vermutlich ist das der Hauptgrund, weshalb ich immer noch mit Luke zusammenarbeite, warum ich mich an ihn klammere, obwohl ich ihm nicht so wichtig bin, wie ich sein sollte. Weil wir Freunde und Geschäftspartner sind. Ich wünschte, ich hätte noch andere Bekannte, die mir Halt geben und mit denen ich mich austauschen kann. Doch das viele Reisen, das mein Beruf erfordert, macht es mir unmöglich, enge Kontakte zu knüpfen. Luke jagt mich von einer Stadt in die nächste, von einem Land zum nächsten. Mein Leben isoliert mich von anderen Menschen. Selten bin ich lange genug an einem Ort, um eine Bindung aufzubauen.
Das hier könnte eine große Chance sein. Die Gelegenheit, auf die mein Herz immer gewartet hat. Ich darf allerdings nicht vergessen, dass es sich lediglich um eine Illusion handelt. Es mag ein Angebot sein, vorübergehend einen sicheren Hafen zu haben. Trotzdem mache ich mir nichts vor. Für Mr Anders bin ich nur ein Angestellter von vielen, austauschbar, unwichtig und nichtssagend. Er braucht mich nicht. Ich wäre dämlich, wenn ich zulassen würde, dass ich ihn brauche. Wenn auch nur dafür, um mein Ego zu streicheln.

[Der Sekretär des Millionärs| Datum der VÖ: 15. März 2020]

© Text und Cover: Bettina Kiraly;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.

© Hintergrundbildcollage:
Phil Desforges auf Unsplash & Birgit Böllinger auf Pixabay
Bildbearbeitung: Wir schreiben QUEER