23. Juli 2024

Hunter B. Holmes – Studienfach Mord | Wolf September

Leseprobe

›Hunter B. Holmes – Studienfach Mord‹
Wolf September

Klappentext:

Max Gibson ist Professor an einer der renommiertesten Universitäten in London. Bei den Studenten beliebt und von Kollegen geschätzt, ist es umso schockierender, als er während einer Vorlesung tot zusammenbricht.
Schnell stellt sich heraus, dass es sich dabei um Mord handelt. Hunter B. Holmes und sein neuer Partner David Cloverfield übernehmen den mysteriösen Fall, der sie in ein Netz aus Lügen, Liebe und Intrigen zieht, je tiefer sie in Max’ Vergangenheit graben.

Doch nicht nur dieser Fall beschäftigt sie, auch ihre Privatleben halten viele Wendungen und Überraschungen für David und Hunter bereit. Zeit für Muffins und Kaffeekränzchen bleibt ihnen kaum, denn der Täter schlägt erneut zu.
Die Suche nach dem Mörder wird nicht nur für die beiden zu einem Spiel gegen die Zeit …

© Wolf September

In voller Lautstärke dröhnte Don’t go breaking my heart durch die Stille des Raums. Pfeilschnell tastete Hunter nach dem Handy auf seinem Nachtschränkchen und schaltete es ab. Er steckte seine Hand wieder unter die Decke. Wohlig stöhnte Hunter auf und drehte sich um. Stille. Einen Augenblick später begann der Wecker, der auf dem Schrank gegenüber dem Bett stand, heftig zu piepsen. Er schwang die Decke zur Seite, schlurfte zum Schrank und drückte die Aus-Taste. Der Wecker verstummte sogleich, woraufhin Hunter zurück zum Bett ging und sich auf die Matratze fallen ließ. Dort zog er sich die Decke wieder über den Kopf. Es klopfte – noch bevor er etwas rufen konnte, krachte die Tür gegen den Stopper.
Guten Morgen Master Holmes.“ Godric betrat schwungvoll das Zimmer. „Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen. Die Sonne scheint, das Frühstück ist bereitet.“
Hunter hob die Decke an und blinzelte ihm entgegen.
Strammen Schrittes ging Godric auf das Fenster zu, zog die Jalousie schwungvoll nach oben und öffnete es. Frische, ein wenig kühle Luft wehte an Hunters Füßen entlang, das grelle Morgenlicht blendete ihn. Hunter kniff die Augen zusammen und zog sich das Laken wieder über den Kopf. Er brummte unter seiner Decke und zog seine Füße darunter, während Godric sein Schlafzimmer wieder verließ, die Tür jedoch weit offen stehen ließ.
Der Duft von frischem Kaffee waberte in den Raum und kroch unter die Bettdecke. Hunter öffnete die Augen und setzte sich auf. Durch die Tür konnte er sehen, wie Godric zum Esstisch ging, auf dem er das Frühstück bereitet hatte. Zuerst goss er Kaffee in eine Tasse und kippte einen Schwall Milch hinterher.
Hunter warf seine Bettdecke mühsam zur Seite und setzte sich an den Rand der Matratze. Seine Füße suchten am Boden nach den Hausschuhen. Als er fündig geworden war, schlüpfte er hinein, stand auf und schleppte sich zu dem alten Ledersessel, der sich neben seinem Bett befand. Dort nahm er seinen Morgenmantel und warf ihn sich über.
„Guten Morgen“, murmelte er verschlafen, und bewegte sich nur mit Boxershorts und dem locker zusammengebundenen kurzen Morgenmantel durch die Tür. Sein Blick fiel in den Spiegel, der auf der anderen Seite des Raums an der Wand hing. Sein dunkles Haar stand verwuschelt von seinem Kopf ab und seine Augen waren noch mehr zu als offen. Wortlos trottete er zu seinem Platz und setzte sich.
Neben der Kaffeetasse standen ein Glas mit frischgepresstem Orangensaft, ein Teller mit zwei Spiegeleiern auf einer Portion Baked Beans und ein zweiter Teller, auf dem ein Donut mit üppigem Zuckerguss platziert war. Hunter aß jeden Morgen das Gleiche. Godric, der seit ein paar Monaten für ihn arbeitete, kannte inzwischen diesen morgendlichen Ablauf.
Gemächlich nahm Hunter die Tasse in die Hand und führte sie wie in Zeitlupe zum Mund. Er nahm einen großen Schluck Kaffee. Wie ein Quell des Lebens bahnte sich die heiße Flüssigkeit ihren Weg in seinen Magen. Das Koffein floss förmlich durch seine Adern. Mit der Tasse in der Hand drehte er sich Richtung Fensterfront. Die Sonne blendete ihn. Schnell schloss er die Augen und wandte sich wieder ab.
„Ist heute nicht ein wundervoller Tag?“, fragte Godric.
„Ziemlich hell für diese Uhrzeit“, brummte Hunter muffelig und wendete sich wieder dem Essen zu.
„Es ist kurz vor neun, Master Holmes. Ich denke, der Grad der Helligkeit passt exakt zur Tageszeit“, kommentierte Godric trocken.
Lustlos hob Hunter das Besteck und teilte die Eier auf seinem Teller, während er zu Godric sah. Dieser beobachtete sein Tun mit einem Schmunzeln. Mit jedem Bissen, den er zu sich nahm, merkte Hunter, wie er allmählich wacher wurde und immer mehr Eindrücke an ihn heran drangen. Mit einem Mal spürte er die Wärme der Sonne auf seiner Haut und schnupperte die frische Luft, die durch das offen stehende Fenster in seine Nase kroch. Bis zum letzten Krümel, mit dem er schlagartig bester Laune war.
Hunter lächelte seinen Butler an.
„Jetzt geht es mir gut! So ein delikates Frühstück weckt die Lebensgeister.“
„Das freut mich zu hören, Master Holmes.“
Hunter legte seine Gabel beiseite und blickte sein Gegenüber entschlossen an. „Godric, du hast mich aufwachsen sehen und seit fast einem Jahr wohnen wir quasi zusammen. Es ist an der Zeit, dass du Hunter sagst. Ich mag es nicht, wenn du mich Master Holmes nennst!“
„Aber als Ihr Vater mich hierher abgeordnet hat …“
„Mein Vater ist nicht hier! Ich bin dreiundvierzig Jahre alt und kann schon geraume Zeit für mich selbst entscheiden, und ich würde es sehr begrüßen, wenn du mich Hunter nennst. Du kennst mich besser und länger als die meisten Menschen. Also bitte.“ Hunter setzte seinen Hundewelpenüberredungsblick auf.
„Nun gut – Hunter – es freut mich zu hören, dass es dir gut geht.“

„Na siehst du, geht doch“, erwiderte Hunter und lächelte ihn noch breiter an.
„Und Godric, bitte sag nicht immer, dass du abgeordnet wurdest. Das klingt, als wäre es eine Strafe bei mir zu sein.“ Hunter spitzte schmollend die Lippen.
„Das ist es natürlich nicht. Ich bin gerne hier. Sehr gerne sogar. Sie sind so … erfrischend.“
„Das freut mich zu hören, Godric.“
„Was steht heute auf dem Programm, Mas… Hunter?“
Hunter schmunzelte. Der gute alte Godric konnte einfach nicht aus seiner Haut. Seit er das Penthouse von seinen Eltern überschrieben bekommen hatte, war er bei ihm – übernächsten Monat hatten sie sogar Jahrestag. Das sollten sie feiern. Auch wenn er von seiner Art her etwas steif war, mochte er Godric ungemein – schon als er noch für seinen Vater gearbeitet hatte, war er ihm überaus sympathisch gewesen. Hinter all seinen Manieren und vornehmen Getue steckte ein Schelm. Hunter hatte ihn mehr als einmal hervorblitzen sehen.
Während er noch amüsiert zu Godric blickte, ertönten aus dem Radio die ersten Klänge eines Elton John Songs. Hunter verzog das Gesicht.
„Was ist mit … dir? Passt etwas nicht?“
„Alles gut, ich hasse die Musik von Elton John!“
Godric zog seine Stirn in Falten. „Wenn ich nicht irre, ist das der Song, den du als Weckton auf deinem Handy hast?“, stellte er erstaunt fest.
„Da hast du recht!“
Godric hob eine Augenbraue und fixierte Hunter.
„Wenn du ihn nicht magst, wieso hörst du ihn dann jeden Morgen?“
„Das soll mir helfen aus dem Bett zu kommen. Wann würdest du eher liegenbleiben? Wenn etwas läuft, auf das du stehst oder bei Musik, die du nicht magst?“
„Wenn ich das so sagen darf, es klingt zwar ein wenig abstrus, aber ich kann die Absicht, die dahintersteckt, verstehen“, entgegnete Godric und ein Schmunzeln schob sich auf seine Lippen.
„Warum magst du seine Musik denn nicht? Er hat doch tolle Songs und ihr habt auch sonst so viel gemeinsam“, stellte er fest und räusperte sich, als wäre ihm klar geworden, was er soeben gesagt hatte.
Hunter lachte auf. „Seine Musik ist unerträglich schmalzig und nur, weil wir beide schwul sind, muss ich ihn nicht mögen.“ Hunter streckte sich und gähnte herzhaft. „Ich fahre später zum Yard. Heute fängt mein neuer Partner an.“
„Richtig! Das war heute. Dann hoffe ich für Sie …“
„Dich“, verbesserte Hunter.
Godric räusperte sich und holte kurz aber tief Luft. „Entschuldige! Ja also, was ich sagen wollte, dann hoffe ich für dich, dass du gut mit ihm zurechtkommst.“
„Ich denke schon. Bisher habe ich nur wenige Menschen getroffen, mit denen ich nicht konnte. Und soll ich dir etwas sagen: in gewisser Weise freue ich mich auf ihn.“ Er nahm seinen Donut und biss herzhaft hinein. „Hmmm. Lecker.“
Als das letzte Stückchen in seinem Mund verschwunden war, stand er auf und streckte sich erneut. Er schnappte sich die halbvolle Kaffeetasse, ging zur Glastür, die auf den Balkon führte, und schob sie voller Elan auf. Warme Luft strömte ihm entgegen.
„Schenk dir auch einen Kaffee ein und komm ein bisschen mit raus, Godric. Ein paar Minuten habe ich noch. Es ist herrlich hier draußen.“
Godric drückte die Taste des Kaffeeautomaten. Gurgelnd floss der Kaffee in die Tasse und wenig später saßen beide auf den bequemen Loungesesseln und genossen die warmen Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Hunter liebte den Ausblick, den er von hier oben hatte. Das Penthouse befand sich im obersten Stockwerk eines einunddreißigstöckigen Hochhauses. Es war die einzige Wohnung in dem Haus, die sich über die gesamte Grundfläche erstreckte. Auf dem Balkon konnte man fast um das komplette Gebäude herumgehen. Von ihm aus hatte man einen sagenhaften Blick über London. Von der Tower Bridge und dem London Eye über das Bankenviertel mit seinen skurrilen Wolkenkratzern die Themse entlang, bis zur Sankt Pauls Cathedral und noch weiter.
„Godric, ich weiß nicht, wie du das siehst, aber ich denke, wir sind vom Glück geküsst“, sagte Hunter. Er rutschte tiefer in seinen Sessel und lächelte.
Godric nippte an seiner Tasse und blickte ihn mit einer Mischung aus Zustimmung und Fürsorge an. „Ja, das sind wir wohl. Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, fehlt dir eigentlich nur noch ein passender Partner.“
Hunter lachte leise. „Ich bekomme heute einen, schon vergessen?“
„Privat meinte ich.“
Hunter lächelte bemüht, dann ließ er seinen Blick über Londons Skyline gleiten. „Ich brauche keinen Mann, Godric. Es ist alles gut, so wie es ist!“

[Hunter B. Holmes – Studienfach Mord
Datum der VÖ: 03. März 2023]

© Text: Wolf September
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Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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