25. Juni 2024

Hinterm Großstadtdschungel links | Simone Bauer

Leseprobe

›Hinterm Großstadtdschungel links‹
Simone Bauer

Klappentext:

Manchmal fühlt sich Fredi wie der letzte Single auf Erden – die letzte Station für ihre Ex-Freundinnen, bevor diese ihre große Liebe fanden.
Frustriert stürzt sie sich in die Arbeit. Doch statt der erfolgreichen Reporterin ist sie bloß die redenschreibende PR-Agentin des Bürgermeisters ihrer skurrilen Heimatstadt.
Überzeugt davon, dass nur die anderen glückliche Beziehungen führen, lernt die Kleinstadtpflanze ausgerechnet auf einer Trauerfeier die attraktive Künstlerin Sandra kennen.
Fasziniert von deren weltgewandter Art lässt sich Fredi auf ein leidenschaftliches Liebesabenteuer ein, bis ihr leise Zweifel kommen … Und dann ist da auch noch Polizistin Bri, die plötzlich wieder solo ist und auf die Fredi schon lange ein Auge geworfen hat …

© Simone Bauer

Trauerfeierflirt
Sandra Grünwald kam aus der Stadt, in der Damen mit Louis-Vuitton-Handtaschen ins Fitnessstudio gingen. Sie war Künstlerin – und ihre Erscheinung ein ganz eigenes Kunstwerk. Oh, diese großgewachsene, schlanke Figur in eng geschnittener schwarzer Hose, schwarzer Bluse und dunklem Blazer. Aristokratische Augenbrauen, delikate Wangenknochen und eine Kurzhaarfrisur, die im Nackenbereich mal wieder eine Rasur gebrauchen konnte. Aber gut, sie war in Trauer um ihre Tante und vegetierte daher sicherlich eher vor sich hin, als zum Friseur zu gehen. Es war nicht schwer, alles über sie herauszufinden, wenn man mit Menschen wie meiner Oma, dem personifizierten Klatschblatt im schwarzen Rock, unterwegs war.
Ich hatte Sandras Tante nicht besonders gut gekannt. Aber ich hatte auch keine bessere Ausrede gefunden, um nicht zu ihrer Beerdigung zu gehen, als meine Oma mich beim monatlichen Sonntagsbraten dazu aufforderte. Hobbys pflegte ich keine nennenswerten, ebenso wenig wie eine Beziehung. Dafür befand sich in meinem Schrank ein hübsches, schwarzes Kleid, das ich noch nie getragen hatte. Meine Hündin durfte nach einem Schläfchen vor dem Friedhof auch mit in die Wirtschaft. So lief das eben hier.
Sandra hatte das Haus ihrer kinderlosen Tante geerbt, unweit vom Haus meiner Eltern. Seit mir diese Informationen über bröckelige Leberknödel in üppig gesalzener Suppe hinweg zugeflüstert worden waren, wollte ich nichts lieber wissen als die Antwort auf meine ungestellte Frage, ob Sandra nun dort einziehen würde. Das Trauermahl fand in einem der besseren Wirtshäuser unserer Kleinstadt Blumenbad statt, dort, wo die Oberpfalz an Niederbayern angrenzt.
„Wie geht es dem Herrn Bürgermeister?“, fragte meine Oma. Zu meinem Job gehörte es, ihm die Art von Reden zu schreiben, die er beispielsweise beim Jubiläum des Kleintierzüchtervereins sowieso wieder spontan über den Haufen warf.
„Er trägt Kleingeld lose in seiner Hosentasche und macht mich wahnsinnig damit“, gab ich unbeeindruckt zurück. Meine Oma betrieb einen derartigen Personenkult um meinen Chef, es war nicht auszuhalten. Egal, wie chefig er war, sie hatte trotzdem Herzchen in den Augen.
Meine Mutter allerdings rümpfte ebenfalls die Nase über ihn. Wie immer in Patschuliöl gebadet, war sie ihr ganzes Hippieselbst, nur eben heute mal nicht in weißer Häkelspitze gekleidet. Ihr schwerer, orientalischer Duft hatte mich meine ganze Kindheit und Jugend über begleitet. Es war eine nette Konstante, die ich nicht missen wollte.
„Musst du jetzt den Hund eigentlich überall mit hinziehen?“, erkundigte sich meine Oma und warf einen mürrischen Blick auf Akikos derzeitiges Projekt. Die Vierbeinerin wollte partout keinen Platz im Gang zwischen den Tischen machen. Störrisch stand sie da, die mittelgroße, sandfarbene Hündin, die sie war, mit ihrer nach oben gebogenen, buschigen Rute.
„Oma, sie schläft die meiste Zeit und wenn sie mal wach ist, braucht sie Action. Da kommt es ihr ganz gelegen, die Leute zu ärgern.“ Wohlwollend beobachtete ich, wie sie Frau Maier vom Postamt nicht durchließ, eine durch und durch homophobe, verhärmte alte Schachtel. Meine Großmutter nickte kaum merklich. Gesprächsthema abgehakt.
„Deine braunen Haare werden auch immer dunkler“, gab sie schließlich mit vollem Mund bekannt.
„Das ist das schlechte Licht, Oma, ich bin blond.“ Ich runzelte die Stirn und fuhr mir durch die dunkelblonden Locken. Waren wir jetzt mal mit mir durch? Ich wartete nur noch darauf, dass sie jeden Moment fragte, wo ich meinen Impfpass aufbewahrte. Spoileralarm: Ich habe keine Ahnung.

Während also die meisten Besucher des Leichenschmauses wegen meiner Hündin auf ihrem Posten einen großen Bogen um unseren Tisch machen mussten, saß Sandra alleine an ihrem Platz und malte mit einem Kugelschreiber auf einem Papiertaschentuch herum.
Ihre Mutter war schon vor langer Zeit aus unserer Kleinstadt weggezogen, weshalb sie immer wieder von jedem, der früher auch nur ein Wort mit ihr gewechselt hatte, angesprochen und zur Seite genommen wurde. 
Nachdem meine Oma als Antwort auf meine Feststellung nur geschnaubt hatte, beschloss ich – kühn, wie ich nun mal war, wenn mir eine Frau wirklich gefiel, – mich auf den Weg zu Sandra zu machen. Zum Glück erbarmte sich meine Hündin, mir zu folgen. 
Im Weggehen hörte ich noch meine Oma, die meine Mutter heute schon zum zweiten Mal fragte: „Magst jetzt den Franz nicht endlich mal heiraten? Jetzt seid ihr schon so lange zusammen und habt ein Kind von fast dreißig Jahren.“
„Ja, darum brauchen wir es jetzt auch nicht mehr“, vernahm ich noch die ungehaltene Erwiderung meiner Mutter.  Ich verbiss mir ein Lachen und straffte meine Schultern. In diesem Moment registrierte Sandra meine Anwesenheit.
„Hi, ich bin Fredi.“ Ich streckte Sandra meine Hand hin, die sie zögerlich, aber kräftig schüttelte.
„Ernsthaft?“
„Frederike ist mir einfach zu lang.“
„Frederike“, wiederholte Sandra, als müsste sie eingehend über die Namensentscheidung meiner Mutter nachdenken. Gut, eigentlich hatte eher meine Oma darauf bestanden, dass ich nach ihr benannt wurde – meine Mutter hätte mich sonst vermutlich „Sonnenblume“ genannt.  Die Taufe war natürlich auch Omas Wunsch gewesen.
„Gröblehner“, fügte ich hinzu, während ich mich zu ihr setzte. Ihr Herrenparfüm schlug mir entgegen.
„Wie bitte?“
„So heiße ich.“
„Oh“, Sandra nickte schnell. „Ich bin Sandra.“
Ich grinste. „Ich weiß.“
Mit meinem Kopf deutete ich auf meine Hündin. „Das ist Akiko.“
„Du hast es mit außergewöhnlichen Namen, nicht wahr?“ Sandra musste nun leicht grinsen. Der Flauschball nieste.
„Mein Beileid, gell? Also, falls du jetzt öfter hier bist …“, ich lächelte und schob ihr unauffällig meine Rathausvisitenkarte zu. „Lass mich ruhig wissen, wenn du etwas brauchst. Wir müssen doch zusammenhalten.“
Ich zwinkerte und stieß sie leicht in die Seite, was Sandra zum Blinzeln brachte. Okay, sie hatte die Botschaft verstanden – hoffte ich.
Mit meinen blonden Locken bis zum Schlüsselbein, dem spitzen Kajalstrich über den blauen Augen und stets rot geschminkten Lippen, litt ich unter einem kristallklaren Fall von Femme Invisibility. Die Frage „Warum bist du eigentlich lesbisch?!“, war keine Seltenheit. Normalerweise war man als feminine Lesbe nämlich so gut wie unsichtbar, absolut heterosexuell codiert. Mit dem Unterschied, dass ich einen Mann noch nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde.
Von daher kam es mir fast schon entgegen, dass in dieser Gemeinde jeder alles über jeden wusste. Was mir zwar so manche Diskussion ersparte – aber leider nicht jede.
Bemüht elegant versuchte ich, von dannen zu schweben. Ich hatte keine Ahnung, was Sandra mit ihrem Immobilienerbe anstellen wollte – weil ich kalte Füße davor bekommen hatte sie danach zu fragen.

[Hinterm Großstadtdschungel links; Datum der VÖ: 01. Juni 2022]

© Text: Simone Bauer; Cover: Butze Verlag
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.