Einhorneintopf & die wild-widerspenstige Wilma | Tristan Thomas

Exklusive Leseprobe

›Einhorn-Eintopf & die wild- widerspenstige Wilma‹
Tristan Thomas

Klappentext:

Ein Bestseller, das wäre es! Landpomeranze verliebt sich in Badboy, das funktioniert immer. Amerikanische Klischee-Schule, ein erprobtes Ambiente. Dazu noch ein bisschen Glitzervampir da, ein paar Kabelbinder dort – und fertig! Alles könnte so schön sein. Könnte. Denn da ist noch Wilma, die eigenwillige Hauptfigur, die sich partout nicht fügen will. Der gängige Bestseller-Zutaten ziemlich egal sind – und die ihre ganz eigenen Vorstellungen von einem Happyend hat.

Aber der Autor wäre nicht der Autor, wenn er nicht seine eigenen Tricks auf Lager hätte.

© Tristan Thomas

Ein Tag zum ins Porzellan kotzen. Wer den Film Ungeküsst mit Drew Barrymore gesehen hatte, wusste, wie sie sich fühlte. Die Lehrerin hatte sie natürlich mit vollem Namen vorgestellt – und dabei auch nicht vergessen, dass sie die Tochter des neuen Metzgers war. Was nicht überraschte, da sich die Lehrerin als Miss Hutcherson entpuppt hatte, in Personalunion Vorsitzende des Bibelkreises, dem sich ihre Eltern angeschlossen hatten, um ›nette Kontakte zu knüpfen‹. Bei der Redseligkeit ihrer Mutter hätte es sogar noch schlimmer kommen können: Wilma hat übrigens eine eigene Puppenwerkstatt. Wenn ihr also kaputte Puppen habt.
Wie gesagt, was andere von ihrem Hobby hielten, war ihr eigentlich egal. Aber sie war intelligent genug, zu wissen, dass es nicht der perfekte Einstieg gewesen wäre, nachdem schon der Name Wilma für grinsende Gesichter gesorgt hatte. Manchmal wünschte sie sich, dass die Serie Fred Feuerstein in Deutschland nie gelaufen wäre. Andererseits wäre sie dann vielleicht eine Mandy, Cindy oder Chantal. Auch nicht der große Wurf. Und als ob grinsende Gesichter und unverhohlenes Gekicher nicht gereicht hätten, gab es natürlich im ganzen Klassenraum nur noch einen freien Platz. Und ebenso natürlich befand sich dieser neben dem vermutlich unbeliebtesten Jungen der Klasse. Keine Überraschung, es war Marvin.
»Hallo Metzgerstochter, lange nicht gesehen.«

Super. Da ist er also, der Nerd. Verkauf die Leser doch nicht für dumm. Natürlich soll das mein neuer Buddy werden. So läuft das doch immer, inklusive Mathe-AG und so.

»Hallo Marvin!«
Mit einem resignierten Seufzer ließ sie sich – wenig mädchenhaft – auf ihren Stuhl plumpsen und packte ihre Unterlagen aus. Vielleicht hatte Lord Vampy ja noch einen scharfen ›Sexy wie Taylor Lautner‹-Werwolf-Verschnitt im Gepäck. Dann würde sie ganz brav auf Bella machen – und die ganze Emanzipation mal kurz vergessen.

Der Lautner-Zwerg? Ernsthaft? Warte mal. Ich hab mich gerade mal gemessen. Der ist ganze sechs Zentimeter kleiner als ich. Wenn ich dann noch Schuhe mit Absätzen trage …

Andererseits war sie ein langes Elend. Darauf standen die meisten Jungs nicht. Die bevorzugten Püppchen wie diese Danielle. Hübsche kleine Repräsentationsobjekte, die ihre Kerle anhimmelten und über jeden noch so blöden Witz kicherten, während sie sich untereinander über die neuesten Taschen, Schuhe und Kosmetikartikel unterhielten. Wilma ließ ihren Blick über ihre Mitschüler schweifen. Die Mädels waren – wenig überraschend – Danielle-Kopien in Blond, Schwarz und Feuerrot. Die Jungs allesamt zukünftige Calvin-Klein-Unterhosenmodels oder Profi-Sportler. Naja, nicht allesamt. Ihr Banknachbar war wohl eher die ›Sport ist Mord‹-Fraktion – und in Unterwäsche wollte sie sich Marvin beim besten Willen nicht vorstellen.

Dann schon eher diesen süßen Blondschopf da vorne, der immer mal wieder verstohlen in ihre Richtung schaute. Zumindest kam es ihr so vor, denn er saß drei Reihen vor ihr und drehte sich häufiger – als normal – um. Ein Umstand, der auch Marvin nicht verborgen blieb.

»Der Idiot da vorne ist übrigens Joshua Pitt, unser zukünftiger Abschlussball-König«, wurde ihr daher kurz und bündig mitgeteilt. Der vielsagende ›Ich hasse Joshua‹-Button hatte ja schon Bände gesprochen, aber der wenig freundliche Tonfall verriet eindeutig höchste Aversion. Marvin, Wilma riskierte einen Blick auf das Namensschild seines Federmäppchens, mit Nachnamen Graf zu Grauenstein, gehörte ganz offensichtlich keinem Joshua-Pitt-Fanclub an. Dabei sah der doch wirklich ganz nett aus und würde als Abschlussball-König bestimmt eine gute Figur …
Halt! Seit wann kümmerte sie dieses Abschlussball-Gedöns? Unwichtiges Wichtigtuer-Gehabe, für Leute die sich wichtig fühlten. Graf zu Grauenstein, das war das eigentliche Info-Bingo. Der Titel war egal, auch wenn er zu Lord Vampy irgendwie passte, aber Grauenstein klang schon verdammt deutsch. Vielleicht hatte sie mit diesem Miesepeter doch mehr gemeinsam, als ursprünglich gedacht.

Siehst du das Stopp-Schild? Nein? Dann stelle es dir vor! Schön und gut, dass ich mich hier ganz klischeemäßig in diesen Schulschönling verlieben soll. Wahrscheinlich läuft da eine Wette, oder? Ich werde irgendwann mordsmäßig aufpoliert, sehe dann – für alle total überraschend – plötzlich ganz heiß aus und tanze dann mit Brad Pitt – oder Joshua, oder wie auch immer – selig-verliebt in mein total verdientes Happyend? BTW: Die Carrie-Nummer wäre mir zwar deutlich lieber, allein wegen der Schlagzeile Metzgerstochter metzgert alle ab, aber mit so einem Abschlussball-ONS könnte ich zumindest leben. Wenn du dein ENDE drunter gesetzt hast, kann ich das Jüngelchen ja immer noch in die Wüste schicken. ABER: Wenn du mir jetzt mit Vampir-Schmonzette kommst, weil Teenager-Lovestory, gepaart mit adeligen ›Das Dasein ist so ungerecht‹ Fledermäusen, bestimmt abgeht wie Schmidts Katze, dann …

Und wenn nicht, dann waren die Grauensteins vielleicht Milliardäre – und der Junior schleppte in seinem Rucksack immer den einen oder anderen Kabelbinder mit sich herum. Wilma musste ungewollt grinsen. Manchmal fand sie ihre eigenen Witze wirklich am besten.

ICH BRINGE DICH UM!

[Einhorn-Eintopf & die wild- widerspenstige Wilma
Datum der VÖ: 10. Juli 2020]

© Text: Tristan Thomas;
© Cover: Tristan Thomas & Jasmin Whiscy
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.