25. Juni 2024

Ein Sommer und der Duft von Freiheit | Talia May

Leseprobe

›Ein Sommer und der Duft von Freiheit‹
Talia May

Klappentext:

Hitze, Liebe, Musik.

Es ist ein warmer Sommer, den Juliet, wie jedes Jahr auf Ihrer Heimatinsel in Griechenland genießt. Welches Klischee, das die Menschen nach Skopelos kommen, damit sie von den Filmen Mamma Mia schwärmen, zu ABBA tanzen und hoffen, die Wirkung von Aphrodite zu spüren, sich zu verlieben und sorgenfrei zu sein. Eigentlich glaubt Juliet nicht an dieses Klischee, doch diese einmalige Begegnung mit der fremden Frau lässt sie nicht mehr los. Das Gefühl in ihr ist unbeschreiblich. An einem unscheinbaren Morgen treffen neue Sommergäste in die Villa der Familie ein. Als Juliet das Ehepaar kennenlernt, wird ihr klar, dass sie schon einmal in die blauen Augen der Frau gesehen hat.

Zum ersten Mal lässt sich Juliet von ihren Gefühlen leiten. In einem unbeschwerten Sommer entsteht eine mitreißende Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, die umgeben sind, von Sonne, Musik und der fast greifbaren Anziehung des anderen.

© Talia May

Mein Blick schweift hinauf zu unserer Villa. Ich schließe meine Augen, stelle mir vor, dass sie wieder dort oben steht, zu mir sieht und lächelt. Dieses Lächeln versetzt mich zurück, an den Tag, wo ich sie kennengelernt habe. Ohne zu wissen, was auf mich zukommt. Eine unscheinbare Begegnung.
Denk daran! Bald kommen unsere neuen Gäste! Wir müssen noch alles vorbereiten!”, ruft mir meine Mutter hinterher.
„Ja!”
Ich verlasse die Villa, schlendere an der weißen Mauer entlang, die das Meer von uns trennt. Mit einem Lächeln auf den Lippen lausche ich dem Klang der Wellen, wenn sie gegen die Felsen prallen, spüre das kühle Nass auf meiner warmen Haut. Verträumt gehe ich weiter, laufe durch die kleinen Gassen, begrüße die Ladenbesitzer.
„Γεια σου Ιουλιέτα! Χαίρομαι που σε βλέπω!”
(Hallo Juliet! Schön dich zu sehen!), sagt eine Frau, während ich an ihr vorbeigehe. Lächelnd hebe ich die Hand, begrüße sie. Ich kenne fast jeden von ihnen. Hier, auf Skopelos, bin ich aufgewachsen. Sommer, Sonne, Meer. Das ist mein Leben. Freiheit, Hitze und Glück. Mit meiner Hand fahre ich an der Steinwand eines alten Hauses entlang, lade meinen Tank auf, als die Sonne auf mein Gesicht trifft. Mit einem Lächeln auf den Lippen bleibe ich stehen, schließe meine Augen, atme tief ein und aus. Das ist es, was mich jeden Morgen aufstehen lässt, die Schönheit, die Leichtigkeit des Lebens, die kleinen Dinge, auf die ich jeden Tag treffe. Eine fremde Frau, die gegen mich läuft, reißt mich aus meinen Gedanken. Ich öffne meine Augen, mein Blick trifft auf sie. Ich sehe in eisblaue Augen, die anfangen zu strahlen, da sie lächelt.
„Λυπάμαι! (Tut mir leid)”
Ein Wort reicht um mir zu zeigen, dass sie nicht von hier stammt. Ihre Aussprache, sie gibt sich zu viel Mühe.
„Ist schon okay!”
Überrascht sieht mich die Frau an.
„Sie können Englisch?”
Ich nicke. Sie lächelt erneut.
„Woher?”
Neugier.
„Von meiner Mutter. Sie hat es mir früh beigebracht.”, erkläre ich ihr.
Keine Antwort, Stille, wir tauschen nur einen langen Blickkontakt miteinander aus, bis ich wegsehe.
„Haben Sie noch einen schönen Tag!”
Ich möchte an ihr vorbeilaufen, doch sie hält mich auf, legt ihre Hand um mein Handgelenk. Ihre Haut fühlt sich weich und sanft an. Es macht mir nichts aus, dass sie mich berührt, es scheint okay zu sein.
„Ich bin neu hier, vielleicht kannst du mir einen schönen Ort zeigen, an dem ich meine Arbeit machen kann.”
Wieso habe ich das Gefühl, das sie sich diese Ausrede gerade ausgedacht hat?
„Wenn du mich loslässt, vielleicht.”
Verlegen grinst sie, folgt meinem Vorschlag.
„Ich bin übrigens Shirley.”
Ich erwidere ihr Lächeln.
„Freut mich, ich bin Juliet. Komm, ich zeige dir den schönsten Platz, den ich kenne.”
Auch wenn ich nicht die leiseste Ahnung habe, wieso ich ihre Anwesenheit genieße, zerbreche ich mir nicht den Kopf, lasse es einmal einfach auf mich zukommen.
   Wir laufen einen kleinen Weg entlang, vorbei an den vielen Bäumen, die den Platz gut verstecken. Shirley hat mir erzählt, dass sie aus Amerika stammt und ein paar Wochen hierbleiben wird.
„Wenn du allein sein möchtest, weißt du nun, wo du hingehen kannst.”, sage ich, trete hinaus zum Felsen.
Dieser eine Schritt fühlt sich wie das Betreten einer anderen Welt an. Kaum bin ich nicht mehr umgeben von Bäumen, erhellt mich die Sonne, mit ihrer ganzen Kraft. Lächelnd sehe ich Shirley an, kann die Sprachlosigkeit in ihrem Gesicht entdecken.
„Wunderschön nicht?”
Ich setze mich nieder, sehe hinaus auf das blaue Wasser, spüre die weiche Brise in meinem Gesicht.
„Atemberaubend.”, haucht Shirley, setzt sich neben mich.
Ich blicke sie an, betrachte sie von der Seite. Bildschön. Eine Welle von Gefühlen überkommt mich. Es ist komisch. Ich kenne sie nicht, aber es kommt mir so vor, als würde ich genau wissen, was sie denkt und was sie fühlt. Vor dreißig Minuten ist sie in mein Leben getreten, hat es direkt auf den Kopf gestellt. Nur mit ihrer Art. Noch nie hat jemand, den ich hierhergebracht habe, diese Aussicht so sehr wie ich geschätzt und bewundert. Nur bei ihr ist es anders. Sie scheint überwältigt zu sein, genau zu fühlen, was dieser Ort in mir auslöst.
„Gefällt es dir?”
Shirley sieht mich an. In ihren Augen scheine ich zu versinken, wie komisch. Das Blau erinnert mich ans Meer, es ist klar und durchschaubar, wie das Wasser.
„Gefallen? Das ist viel zu klein ausgedrückt! Es sieht aus wie gemalt! Ich weiß gar nicht wie ich diesen Ort jemandem beschreiben sollte!”
Ich lächle.
„Das kannst du nicht. Die Leute müssen es sehen.”, sage ich.
„Genau.”
Wir blicken einander an, schweigen, hören das Meeresrauschen, das Zwitschern der Vögel, das Summen der Bienen. Die Sonne scheint auf uns hinab. Ich fühle mich anders unter ihrem Blick. So etwas ist mir noch nie passiert, aber ich habe das Gefühl, dass es zwischen uns einfach passt. Gibt es so etwas? Kennen auf den ersten Blick? Eine tiefe Verbundenheit direkt von Anfang an? Ich kenne sie nicht, aber ich mag sie. Ich mag ihr Lächeln, das sich gerade auf ihre Lippen legt, während ich sie ansehe. Ich mag ihren Duft, der nach Aprikosen duftet, süß, unscheinbar, gereift.
„Ich kenne dich nicht Juliet, aber du scheinst sympathisch zu sein.”, scherzt sie.

Denkst du genau das Gleiche wie ich? Fragst du dich auch, ob wir einander kennen, schon einmal gesehen haben?
„Danke, das kann ich nur zurückgeben!”
Ich stupse sie mit meiner Schulter an. Verlegen lächeln wir. Shirley runzelt die Stirn. Unerwartet streift sie mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Meine Haut scheint zu glühen. Es ist belebend.
„Das ist also dein Lieblingsort.”
Ihre Stimme ist leise, hallt in meinem Kopf umher. Ich nicke.
„Ja, das ist er.”
Sie lächelt mich schief an.
„Ich verstehe wieso.”
Und das glaube ich dir.
Plötzlich steht Shirley auf.
„Ich würde sagen, wir gehen schwimmen, oder hast du noch etwas vor?”
Erstaunt schaue ich sie an. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen läuft sie den Weg hinunter zum Meer, natürlich folge ich ihr. Sie steht vor mir, ich beobachte sie.
„Und jetzt?”, frage ich.
Shirley nimmt mich an der Hand, zusammen springen wir ins Wasser. Ohne nachzudenken, mit all unseren Klamotten. Es ist befreiend mit ihr hier zu sein, das kühle Nass auf der heißen Haut zu spüren. Ihre Art scheint so positiv und aufblühend zu sein, dass sie auf mich abfärbt. Ich tauche auf, lächle, sehe hinüber, in strahlend blaue Augen. Shirley fährt sich durch ihr nasses braunes Haar, schwimmt um mich herum.
„War das einer der verrücktesten Dinge, die du je getan hast?”, fragt sie mich.
Ich lächle.
„Es kommt auf die Liste.”
Sie grinst.
„Was ist noch verrückter?”
„Einer fremden Frau zu vertrauen und ihr meinen Lieblingsort zu zeigen.”
Ihr Grinsen wird breiter. Ich verfolge sie mit meinem Blick.
„Wer sagt, dass ich fremd bin?”
Sie bringt mich zum Lächeln.
„Was machst du hier? Wie verbringst du deine Freizeit?”
Interesse, an meinem Leben.
„Nun, ich bin Fotografin und Schriftstellerin. Also schreibe ich meistens. Oder ich laufe durch die Gassen, mache Bilder. Am Abend helfe ich meist im Restaurant meiner Eltern aus.”, erkläre ich ihr.
Shirley kommt mir näher, bleibt jedoch ein kleines Stück von mir entfernt.
„Klingt gut.”, flüstert sie.
„Und du? Was tust du in deiner Freizeit?”
„Das bleibt wohl ein Geheimnis.”
Wieder schauen wir einander an. Dieser Blick von ihr, er macht mich kirre, weil er in mir etwas auslöst, dass ich nicht kenne, nicht genau weiß, was er bedeuten soll. Ich weiß nur, dass ihre Augen unter der Sonne strahlen, sie leuchtet, glänzt, als wäre sie nicht real. Das kleine Stück Mut, was noch in mir schwirrt, nehme ich mir, schwimme um sie herum, nähere mich ihr von hinten und lege meine Arme um ihren Körper. Ich bin ihr nah, sehr nah, kann sie riechen, ihre Haut, diese glatte, scheinbar unberührte Haut, spüren. Vielleicht will ich es mir nicht eingestehen, weil ich es komisch, nein verrückt, finde, aber am Ende bemerke ich, dass mein Körper ihren heimsucht, obwohl ich nichts von ihr kenne. Nur ihren Namen, ein paar Fakten und ihren Geruch.
„Was tust du?”, fragt sie leise, dreht ihren Kopf zu mir.
Nah, verdammt nah. Ich müsste mich nur ein kleines Stück nach vorn bewegen und könnte sie küssen, erfahren, was diese vollen, rosa, Lippen verbergen. Sie sieht mich an, sagt nichts. Wir spüren, wie wir nach einander verlangen. Wie verrückt. Den Blick, den sie mir schenkt, den vergesse ich nicht. Nein, wenn ich ihn vergessen würde, würde ich auch dieses Gefühl vergessen und das will ich nicht. Diese Erfahrung, jemand Fremdes kennenzulernen und sich auf alles einzulassen, ohne sich den Kopf zu zerbrechen. Mit meiner Hand fahre ich durch ihr Haar, atme den Duft ein. Shirley schaut auf meine Lippen. Keine Sekunde später sieht sie mir wieder in die Augen, jagt eine Gänsehaut über meinen Körper. Mir wird klar, dass sie gehen wird und bevor sie dies tut, hauche ich ihr einen federleichten Kuss auf die Nasenspitze. Shirley lächelt in sich hinein, entfernt sich von mir. Ihre Hand gleitet aus meiner. Sie steht am Strand, sieht zu mir.
„Werde ich dich wiedersehen?”, frage ich.
„Möchtest du das denn?”
Eine Gegenfrage. Will ich das?
„Ja.”
Sie sieht zu Boden, strahlt.
„Nun, das Schicksal entscheidet, nicht ich.”
Das sind die letzten Worte, die ich von ihr höre, denn im nächsten Moment werfe ich mich zurück ins kalte Wasser. Vielleicht hat sie es nicht gespürt, aber das schwirrt nicht in meinem Kopf herum, nein, es geht gerade nur um das, was ich fühle und das ist Freiheit. Ein Rausch, von Glücksgefühlen, Spannung und gleichzeitig loslassen, alles entgleitet und ich bin froh. Es fällt von meinen Schultern und ich fühle mich federleicht.
Als ich wieder auftauche ist sie verschwunden. Das Schicksal entscheidet, nicht ich. Lächelnd streife ich durch mein Haar, muss selber anfangen zu lachen, wegen meinen nassen Klamotten. Wie verrückt, dass mir mal so jemand über den Weg läuft. Ich steige aus dem Wasser, sehe hinauf, zu meinem Lieblingsort. Er hatte schon immer etwas Magisches an sich.

[Ein Sommer und der Duft von Freiheit
Datum der VÖ: 23. August 2021]

© Text & Cover: Talia May
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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