22. Mai 2024

Coming of rage | Sophie Edina

Leseprobe

›Coming of Rage‹
Sophie Edina

Klappentext:

Wie könnte Jeremy nicht wütend sein?
Er hatte alles: Eine Schauspielkarriere, ein schickes Apartment in New York und eine starke, schöne Frau an seiner Seite. Doch seine inneren Dämonen holten ihn ein und zwangen ihn zur Flucht in sein altes, glanzloses Leben: im schottischen Glasgow.. Über all die Dinge, die ihn wirklich beschäftigen, darf er nicht sprechen. Und ihm will ohnehin niemand zuhören – bis er auf Alex trifft. Alex, dessen Arme Tattoos und Narben zeichnen, und in dessen Augen Grau zu Gold wird.
Kann er Jeremy einen Ausweg zeigen, ehe dieser im emotionalen Chaos ertrinkt?

© Sophie Edina

Und dann ist Sonntagmittag und mein Unbehagen angesichts meiner Situation hat sich kein Stück gebessert. Stella ist schon da, als ich das CellPhone-Café im Norden der Innenstadt betrete. Es ist ein weiteres hippes Kaffeehaus mit niedrigen Tischen und vielschichtigen Torten auf minimalistischem Geschirr, Alleinstellungsmerkmal sind die silbernen Schatullen, die am Kopf jedes der neun Tischen verschraubt sind und das besagte Gefängnis für die Telefone der Gäste bilden. Stella war fassungslos, dass ich trotz meiner intensiven Recherchen noch nicht auf diesen Laden gestoßen war, in dem es zum Konzept gehört, die Leute von ihren elektronischen Endgeräten zu trennen.
Eigentlich ist mir das auch ziemlich egal, selbst die Katastrophe am Mittwoch hat Esther nicht aufgeschreckt. Es ist also vor allem meine Art, Stella entgegenzukommen, indem ich ihr die Wahl des Treffpunkts überlasse. Denn zwischenzeitlich habe ich den Schluss gezogen, dass mir die Situation vornehmlich deshalb unangenehm ist, weil ich Stella nochmal um einen Gefallen bitte. Das ist es doch, was mich innerlich so auffrisst in den letzten Tagen. Sie alle tun mir ständig Gefallen und ich habe das bisher vielleicht zum Anlass genommen, mich noch mehr in Selbsthass zu vergraben, aber geändert habe ich diesen Umstand nie. Wahrscheinlich werde ich den Rest meines Lebens in ihrer Schuld stehen. Und hier kommt ein weiteres Gewicht in der Waagschale.
Sobald ich das Café betrete, macht die Kellnerin Anstalten, mich in die Philosophie und Praxis ihres Geschäfts einzuführen. Ich winke hastig ab und weise auf den Tisch, an dem Stella mit überschlagenen Beinen sitzt.
Sie trägt die Haare kürzer und heller als bei unserer letzten Begegnung und ihr Make-up hat die unaufgeregte, aber elegante Nuance, die mir immer am besten gefallen hat. In ihren Augen sitzt eine Lebendigkeit, die ich lange nicht mehr erlebt habe. Oft hat sie gesagt, dass sie irgendwann noch an die Uni möchte, tiefergehende Spuren hinterlassen als ein paar Fußabdrücke im Sand und bunte Farben auf millimeterdünnen Magazinseiten. Aber sie wirkte so verwurzelt im Hier und Jetzt, dass es kaum vorherzusehen war, wann dieser Moment tatsächlich kommen würde.
„Du siehst gut aus“, begrüße ich sie und deute einen Kuss an ihre Schläfe an, als wir uns zur Begrüßung umarmen.
„Und du erst“, antwortet sie und damit hat sie sogar relativ recht.
Wir setzen uns und ich begutachte das Smartphone-Gefängnis aus der Nähe, klappe den Deckel hoch und lege schließlich mein Telefon auf ihres. Anschließend wiege ich den Deckel zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich bin unruhig. Statt Alex wie sonst vom Bahnhof abzuholen, habe ich ihm nur die Adresse getextet, denn er hat ja noch mein Auto. Abgesehen davon habe ich ihn noch nicht darüber aufgeklärt, was auf ihn wartet. Ein paar Minuten habe ich noch, um mir Gedanken zu machen, welche Worte ich dabei für die richtigen halte.
„Wie ist das Studium?“, frage ich, um vorsorglich etwas Konversation zu betreiben.
Sie lächelt, hat einen wissenden Ausdruck in den Augen, der mir missfällt, aber an ihr nicht fremd ist. Sie und Alex sind die einzigen Menschen, die sich von meiner Fassade nie blenden lassen, ob ich will oder nicht.
„Sehr schön“, erwidert sie mit Nachdruck. Ein glückliches Lächeln umspielt ihre Lippen. „Ich bin sehr gespannt was noch kommt, bisher fühlt es sich wie ein absolutes Abenteuer an.“

„Klar.“ Ich grinse, werfe einen prüfenden Blick aus dem Schaufenster. „Wem Dehli zu langweilig ist, der zieht nach Glasgow.“
„Na ja, es fühlt sich zumindest mehr nach zu Hause an.“ Sie nimmt einen Schluck aus der übergroßen Tasse Milchkaffee. „Ich muss dir, glaube ich, nicht erklären, dass das seine Vorteile hat.“
„Alles klar, Dorothy.“
Mit einem Mal wird sie ernst. „Komm schon, du hast dich in New York auch nie wohl gefühlt. Du hast es geliebt, gutgetan hat es dir aber nie. Es war der Preis, den wir gezahlt haben … und rückblickend war er viel zu hoch.“
Ich sehe sie prüfend an. „Es war nicht die Stadt, die mich kaputt gemacht hat, Stella.“
„Nein, ich weiß …“ Sie rückt ein wenig nach vorn. „Das alles tut mir so leid, Jeremy. Das Spielen war immer deine große Leidenschaft. Und jetzt …“
Ich schüttle abwehrend den Kopf. Sie macht das immer, den Finger in die Wunde legen. Gerade will ich irgendetwas darüber sagen, dass ich nicht mehr weiß, ob es wirklich meine Leidenschaft oder nur ein sehr funktionaler Abwehrmechanismus war, doch dann schwingt die Tür auf und Alex kommt herein. Er trägt eine dunkelgrüne Wollmütze gegen die niedrigen Temperaturen des frühen Dezembers, dazu eine langgeschnittene, graukarierte Jacke über einem verwaschenen Sweatshirt, unter dem der Kragen eines weißen Hemdes hervorblitzt. Er kommt direkt aus der Kirche.
Sofort befällt eine Kälte meine Arme und mein Herz stolpert.
Verdammt, wieso muss es plötzlich so kompliziert mit ihm sein? Eine Frage, die ich mir auf etlichen Streifzügen durch die Stadt in den letzten Tagen immer wieder auf die gleiche Weise beantwortet habe. Weil ich nur das Beste für ihn will. Und weil der große egoistische Teil von mir eine Scheißangst davor hat, dass ich dabei nur hinderlich bin.
Er zieht sich die Mütze vom Kopf und sieht sich etwas ratlos um. Das ruft sofort die Kellnerin auf den Plan, die sich eifrig vor ihm positioniert und mit Worten und Gesten zu ihrem Begrüßungsmonolog ansetzt. Er lächelt sie geduldig an, nickt, hört aufmerksam zu.
„Ist er das?“
„Hmh“, antworte ich, kurz davor, in die gewohnten Gedankenschleifen zu stürzen, zu denen er mich neuerdings verleitet. Entschlossen schüttle ich die drohende Trance ab. „Hey!“ rufe ich, sobald die Kellnerin ihren nächsten Satz beendet hat. „Alex!“
Beide sehen sich um und ich bedeute ihm gestikulierend, zu uns herüberzukommen. Als er mich bemerkt, blitzen seine Augen kurz auf und ich komme ihm ein, zwei Meter entgegen, umarme ihn kurz und fest.
„Hey“, sagt er, in angemessener Gesprächslautstärke. „Alles gut bei dir? Deine Nase sieht besser aus.“
Er zieht wohl instruiert sein Handy aus der Jackentasche, um es ebenfalls in der Box zu verschließen. Auf dem Weg dahin stockt er, denn er bemerkt Stella, die unmissverständlich am selben Tisch sitzt wie ich.
„Ähm, hallo“, ergänzt er und wirft mir einen fragenden Blick zu. Und schon sind wir an dem Punkt angekommen, an dem mir die Worte fehlen. Einen Moment lässt er mich auflaufen, dann schlägt sein Zögern in Souveränität um.
„Hi, ich bin Alex.“ Er streckt ihr die Hand hin, die sie ohne Umschweife ergreift.

[Coming of Rage
Datum der VÖ: 09. Oktober 2023]

© Text: Sophie Edina
© Cover: Sophie Edina; Julia Arling
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
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