Barbara Nelting

Am Anfang war das Wort…
Aber das klingt ketzerisch, also noch einmal:

Am Anfang waren die Worte. Ein steter Strom, mal laut, mal leise, aber nie ganz verstummend, der mich meine gesamte Kindheit und Jugend begleitete. Worte von Abenteuern, Drachen, Elfen, Magiern, aber auch „ganz normalen“ mutigen Mädchen und Jungen, Eltern, Tieren, inspiriert durch meinen Alltag und die Bücher, die ich verschlang und die mir meine heutige Kurzsichtigkeit bescherten. Alles von Enid Blyton. Wolfgang und Heike Hohlbein. Cornelia Funke schrieb damals leider noch nicht. Später Stephen King, Ken Follett und viele weitere. Mein ganz eigenes inneres Füllhorn der Geschichten spuckte diese stets schneller aus, als ich sie aufschreiben konnte. Immer, wenn ich es versuchte, waren meine Gedanken meinen tippenden (bzw. damals noch per Hand schreibenden!) Fingern Meilen voraus, so dass ich es jedes Mal bald frustriert aufgab. Und damit auch meinen damals schon bestehenden Traum, jemals ein ganzes Buch zu schreiben.

Stattdessen studierte ich Medizin, studierte, bekam Kinder, war Ärztin und damit lange Zeit ausschließlich umgeben von Worten wie Sulcus interthalamica inferior oder amyotrophe Lateralsklerose, die Anatomie und Leid kodierten, nicht aber Geschichten. Obwohl mich auch das mit Zufriedenheit erfüllte und ich nach mehrjähriger Pause irgendwann immerhin wieder mit dem Lesen begann, fehlte mir etwas.

»Ob queer oder gerade – im Mittelpunkt steht der Mensch, mit all seinen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, Zerrissenheiten, Problemen.«
Wir schreiben queer
Netzwerk queer-schreibender Autor*innen

Glücklicherweise fanden die Worte mich wieder, und dass in der undenkbarsten aller Zeiten. Im Frühjahr 2020, in der Coronapandemie, über die schon so viel gesagt und geschrieben wurde (auch von mir), waren sie plötzlich wieder da. Erst nur als Ventil für meine Fassungslosigkeit darüber, wie sehr sich auch mein Alltag, auch meine Welt von einem Tag auf den anderen änderte. Als wirklich jedes einzelne Wort, was es über die Pandemie zu bemerken gab, geflossen war (und das war lange schon, bevor ihr offizielles Ende verkündet wurde!), geschah ein kleines Wunder und es vergeht seitdem kein Tag, an dem ich dieses nicht ein kleines bisschen feiere!

Die geschichtenerzählende Quelle in mir, die ich als Kind schon gekannt und später vergessen hatte, sprudelte nämlich unverdrossen weiter – und tut es bis zum heutigen Tag. Egal, ob ich joggte, schwamm, Rad fuhr oder abends im Bett lag: ganz ohne mein Zutun bastelte mein Geist an Formulierungen, reihte Wort an Wort, spann Geschichten. Die 20 Jahre, welche zwischen meinen letzten diesbezüglichen Versuchen und dem Jahr 2020 lagen, hatten mich zwar nicht jünger, aber disziplinierter gemacht, so dass es mir jetzt gelang, schreibenderweise mit meinen Gedanken Schritt zu halten. Immer nur so gerade und unter Einsatz all meiner neben Hausarzt-, Psychotherapeuten- und Muttertum verbleibenden freien Zeit, aber immerhin!

Mittlerweile (Stand Ende 2023) bin ich 42 Jahre alt, habe eine Festplatte voller Manuskripte und träume wie so viele Schreibende davon, dieses Mehr-als-Hobby zu meinem Beruf zu machen, wie die allermeisten Träumer ohne, dass dieser Wunsch realistisch scheint. Weil ich aus Fleisch, Blut und Gefühlen bestehe, frustriert mich das, hält mich jedoch nicht davon ab, weiter zu schreiben. Und zu schreiben. Und zu schreiben. Ich kann einfach nicht anders!

Jetzt wisst Ihr so viel über mich, doch noch gar nichts über meine Bücher. Was erwartet Euch also in diesen? Obwohl mich das Fantasy-Genre stark prägte und ich auch durchaus schon in diesem Bereich angesiedelte Geschichten schrieb, bewegen sich meine queeren Romane, um die es hier ja gehen soll, bislang ausschließlich im Realistischen. Ob queer oder gerade – im Mittelpunkt steht der Mensch, mit all seinen Gefühlen, Wünschen, Hoffnungen, Zerrissenheiten, Problemen – ach, Ihr wisst schon! Nicht ganz zufällig kommt keine meiner bislang im Himmelstürmer Verlag erschienenen schwulen Geschichten ohne Liebe aus. Schließlich handelt es sich hierbei um eines der wichtigsten (wenn nicht das Wichtigste!) unserer Gefühle! Doch in meinen Büchern geht es nicht (nur) um Romantik und Erotik, sondern (davor noch … oder parallel) den Weg ihrer Protagonisten zu sich selbst, ihren (manchmal ganz schön verborgenen) Bedürfnissen, Wünschen und Träumen. Folgerichtig finden die Gedanken und Gefühle meiner „Helden“ in meinen Romanen mehr Platz als Beschreibungen von Landschaften, Wetter, Möbeln oder Kleidung. So sehr ich dieses „stimmungsvolle Beiwerk“ als Leserin tatsächlich schätze, so wenig Raum schenkt meine Ungeduld, zur Sache (also zum Menschen!) zu kommen, dem Drumherum in meinen Geschichten.

Wie es in der Zukunft weitergeht? Ich weiß es nicht. Jeder Versuch, eine Schreibpause einzulegen, wurde in den letzten zweieinhalb Jahren nach spätestens einem Monat durch mich von Neuem bedrängende Geschichten – oft diejenigen bisheriger „Nebenfiguren“, die nun lautstark ebenfalls um Erzählung baten – vereitelt.

Nun – ich beschwere mich darüber nicht:-) – freue mich aber nichtsdestotrotz bei all dem Geschreibe wie jeder Autor über Feedback, welches mich bislang vor allem aus dem Freundes- und Bekanntenkreis erreichte. Und so lautet mein Wunsch für das bald anbrechende neue Jahr 2024: Lasst von Euch hören, liebe Leser – ob per mail, Insta, Facebook oder über Rezensionen! Mein Dank ist Euch gewiss.

Eure Barbara

Text & Bilder © Barbara Nelting;
mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.