15. Juli 2026

Leseprobe Transinternetwork Foundation | Tom Real

Leseprobe

›Transinternetwork Foundation – Die Geschichte von Aaron und Tamara‹
Tom Real

Klappentext:

Aaron und Tamara, sie eine Trans-Frau, er ein erfolgreicher Geschäftsmann, gründen die Transinternetwork Foundation.
Dort gewähren sie Menschen aus der LGBTQIA+-Community Arbeit und Schutz vor Vorurteilen, Hass und Verfolgung.
Der zunehmende Erfolg fordert jedoch einen hohen Preis.

© Tom Real

Minuten später stand sie in einer Anprobekabine und ließ dieses zarte Stück Stoff ihren Körper umschmeicheln. Es war ein schwarzes und dennoch irgendwie transparentes Negligee, das sich perfekt ihrer Figur anpasste. Es fühlte sich so ungewohnt und doch so gut an. Im Spiegel erkannte sie, wie ihre Konturen sanft hindurchschimmerten. Die Verkäuferin hatte recht behalten – es war das perfekte Kleidungsstück für diesen Abend. Es verbarg nicht, verriet aber auch nicht zu viel. Schnell war die Entscheidung gefällt und Tamara stand kurze Zeit später an der Kasse, allerdings nicht, ohne sich zuvor noch bei der freundlichen Verkäuferin zu bedanken. Die hatte zum Schluss noch einen Tipp.
„Bei ‘Miller’s’ haben die gerade Ausverkauf, dort finden sie mit Sicherheit das passende Parfum für ihren Abend.“

Es war bereits Nachmittag, als Tamara sich für ihre Schicht bei Mister Chang meldete.
„Du siehst heute sehr glücklich aus“, fiel dem alten Mann sofort auf.
„Das bin ich auch, Sie haben keine Ahnung“, schwärmte sie, ohne zu viel preis zu geben.
„Lass mich raten – der junge Mann von kürzlich?“
Nun wurde Tamaras Gesicht tiefrot und war farblich kaum noch von den Tomaten in den repräsentativ aufgestellten Kisten des kleinen Lebensmittelladens zu unterscheiden. Ein leises, unterdrücktes Kichern unterstrich die Annahme des Ladenbesitzers. Ihre Laune wirkte sich ansteckend aus.
„Okay, wann willst du deine Schicht beenden? Ich übernehme dann für dich.“
Das zu dieser Frage zugehörige Zwinkern ließ ihr Herz für einen Augenblick hüpfen.
Er gibt mir heute Abend frei? Normalerweise müsste ich bis zehn arbeiten, aber so könnte Aaron schon früher kommen. Sehr zaghaft wagte sie es, nachzufragen.
„Dürfe ich schon um acht gehen?“
Entgegen eines zu erwartenden Vetos nickte er und lächelte sie aufmunternd an. Und dann folgten Worte, die nur der Weisheit eines älteren Mannes entspringen konnten.
„Weißt du, das Leben in unserem Viertel ist hart. Die Zeiten haben sich gewaltig geändert und alles ist traurig geworden. Abends kommen kaum noch Leute in den Laden, warum sollte ich dir also dieses Date vermiesen?“
Dann wurde sein Tonfall fast schon liebevoll väterlich.
„Genieße die Zeit mit deinem Freund, er hat auf mich von Anfang an einen guten Eindruck gemacht. Und so wie ich es sehe, hatte der sich schon bei eurem ersten Zusammentreffen in dich verschossen.“
Dann legte er seine Hand auf ihre Schulter und wurde ernst.
„Wir haben nicht viele gute Chancen im Leben – das hier ist deine.“

Nervös lief Tamara aufgeregt in ihrer kleinen Wohnung hin und her. Sie deckte den Kaffeetisch, dachte an die Kerzen, arrangierte die Sofakissen zum keine Ahnung wievielten Mal um, durchsuchte ihre bescheidene Sammlung an Musik-CD’s nach etwas Stimmungsvollem, eilte dann wieder zum Herd, damit nichts anbrennen oder überkochen konnte. Mister Chang hatte ihr einige Zutaten mitgegeben und ihr das Rezept für ein einfaches, aber leckeres asiatisches Gericht mitgegeben: gebratene Nudeln mit Hühnerfleisch, gemischten Gemüse und einer dazu passenden Soße. Er hatte ihr Schritt für Schritt die Zubereitung erklärt, denn Tamara konnte abgesehen von Spiegeleiern oder aufgewärmten Konserven nicht kochen.

Zum Schluss hatte er ihr sogar seinen elektrischen Wok mitgegeben, damit sie alles perfekt durchbraten konnte. Sie checkte den Timer für die Nudeln, ehe sie diese in das dafür vorgesehene Sieb kippte. Dann ging es zum nächsten Punkt auf der von Mister Chang handgeschriebenen Liste: „Alles in der Pfanne mischen und gut durchbraten, dabei regelmäßig wenden.“
 Fast schon akribisch befolgte sie minutiös die Anweisungen. Schon am Nachmittag hatte sie sich für neun Uhr abends mit Aaron verabredet, der Zeiger ihrer kleinen Wanduhr stand mittlerweile auf zehn Minuten vor „Er kommt gleich!“ Noch schnell den Wok mitsamt Inhalt in den vorgeheizten Ofen stellen, damit alles frisch und warm blieb, während sie nun letzte Hand an ihr Makeup anlegte und sich erst einmal mit ihrem schwarzen Rock und roter Bluse „in Schale“ warf. Ihre Überraschung hatte sie vorsorglich schon im Bad versteckt, um später unbeobachtet wechseln zu können. Ihr Herz schlug bis zum Hals, sie hatte Probleme, mit ihren zitternden Fingern den Lippenstift nachzuziehen. Immer wieder fuhr sie etwas daneben, wische es mit etwas Toilettenpapier weg, um im nächsten Anlauf dasselbe Problem zu haben. Nach dem fünften Versuch war es endlich gelungen, doch ein Klopfen an ihrer Tür verriet, dass ihr Gast auch schon da war. Sie wäre fast gestolpert, als sie zur Tür eilte und diese voller Freude aufmachte. Aaron kam nicht einmal dazu, etwas zur Begrüßung zu sagen, als sie ihm schon um den Hals fiel und ihn mit einem Kuss am Reden hinderte. Nur mit Mühe schaffte er es, die Blumen, die er hinter seinem Rücken versteckte, nicht fallen zu lassen.

„Das war hervorragend!“, schwärmte Aaron von Tamaras Kochkünsten, nachdem er den letzten Bissen runtergeschluckt hatte. Es fiel ihm offensichtlich auf, dass seine Freundin ihn schon während des ganzen Essens über so erwartungsvoll anlächelte. Als sie damit begann, den Tisch abzuräumen, kam er ihr sofort zur Hilfe und beide räumten das schmutzige Geschirr in die Spüle. Dann nahm sie seine Hände, vibrierte vor innerer Aufregung.
„Mache es dir bequem, ich muss mal kurz ins Bad, okay?“
Als sie vor dem Spiegel stand, bemerkte sie erst, wie sich ihre Knie gefühlt in Gelee verwandelten. Nur mit Mühe schaffte sie es, sich in dem spartanischen Raum aus ihrer Kleidung zu schälen, um danach das verführerischste Stück, das sie jemals besessen hatte, für ihren Liebsten überzustreifen. Ihre Hände waren derart feucht geworden, dass sie es nur mit Mühe schaffte, die Plastikfolie von der Parfumverpackung herunterzufriemeln. Ein paar Sprühstöße später hatte sie den Duft an sich, mit dem sie ihn noch mehr betören wollte. Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt und lugte heraus, was ihr Gast gerade machen würde. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, lief inzwischen stimmungsvolle Musik aus ihrem alten CD-Player und das Licht war bis auf den Schein der Kerzen ausgemacht. Nachdem er bemerkte, wie sie sich vorsichtig aus dem Bad herauswagte, stand er sofort auf. Mit leicht gesenktem Kopf und verschüchtertem Blick ging sie auf ihn zu. Erst da bemerkte sie, wie seine Augen feucht schimmerten. Zunächst war Tamara etwas verwirrt, doch seine Worte ließen ihr Herz bald schneller schlagen.
„Du bist das Schönste, was ich je in meinem Leben gesehen habe …“

[Transinternetwork Foundation – Die Geschichte von Aaron und Tamara | Datum der VÖ: 21. Dezember 2025]

© Text: Tom Real;
© Cover: KI-generiert und überarbeitet, Hari Patz, Berlin
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.

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