Hochzeitsglocken über London | Wolf September

Leseprobe

›Hochzeitsglocken über London‹
Wolf September

Klappentext:

Ganz in den Hochzeitsvorbereitungen versunken, glauben Ben und Mark nicht, dass ihre Liebe durch irgendwas zerrüttet werden kann. Gemeinsam mit ihrem Wedding Planer läuft es wie am Schnürchen und der große Tag rückt endlich immer näher.
Wären da nur nicht diese seltsamen Nachrichten, die Ben laufend erhält und die immer obszöner werden. Auch in ihrem Freundeskreis dreht sich das Liebeskarussell immer wilder, allen voran ihr liebestoller Nachbar Andy, der von einer Affäre in die nächste stürzt.
Mit einem Mal scheint sich alles gegen sie und ihre Hochzeit verschworen zu haben. Ein Problem nach dem anderen kostet den beiden einige Nerven. Schon bald müssen sie sich die Frage stellen, ob ihre Traumhochzeit überhaupt stattfinden kann …

© Wolf September

Das Büro des Weddingplaners befand sich in Chelsea. Sie stiegen am Sloane Square aus. Von dort aus waren es nur wenige hundert Meter. 
Das Haus selbst lag an einer der Hauptstraßen und war von überbordenden Bäumen eingerahmt. Die Front bestand aus roten Ziegelsteinen. Fenster und Türen waren mit weißen Sandsteinen eingefasst. Britische Idylle, wie Mark fand. 
Die beiden gingen die wenigen Stufen bis zur Eingangstür nach oben. Reginald Daniels – Weddingplaner war auf dem Klingelschild in verschnörkelter Schrift eingraviert. Mark betätigte den Klingelknopf. Im Innern des Hauses erklang ein Glockenspiel, das Dancing Queen bimmelte. Er schaute schmunzelnd zu Ben und zwinkerte.  
Ein schlanker Mann um die dreißig öffnete die Tür. Sein welliges Haar war streng nach hinten gekämmt, lediglich eine etwas dickere Strähne fiel ihm in die Stirn. Er blickte Mark abschätzig an.  
„Mr Schuster und Mr Smith nehme ich an“, begrüßte er die beiden in einem unfreundlichen russischen Akzent. „Ich bin Sergej, Mr Daniels erwartet Sie. Hier entlang.“ Sergej deutete ihnen einzutreten, wobei er sie mit einem kühlen Blick aus seinen blassblauen Augen musterte. Nachdem er die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, lief er eine geschwungene Treppe aus weißem Marmor nach oben. Mark und Ben folgten ihm.  
Wenn dieser Reginald Eindruck machen wollte, war ihm das gelungen, dachte sich Mark. Das Treppenhaus und der Flur waren mit blau und hellgelb gestreiften Seidentapeten verkleidet worden. An der Decke hing ein achtflammiger, wuchtiger Kronleuchter. Im Grunde genommen wirkte das Innere des Hauses wie ein Puppenhaus in Lebensgröße. Barbie hätte sich hier wohlgefühlt. Wirklich alles war liebevoll arrangiert. Vom Blumenstrauß auf der Anrichte im Gang, bis zu den Bilderrahmen an der Wand. Das Einzige, was nicht in dieses Bild passen wollte, war Sergej. Mit seiner blassen Haut und unfreundlichen Art wirkte er hier fehl am Platz. 
„Bitte.“ Er schob eine breite Schiebetür zur Seite, als sie oben angekommen waren. Dahinter befand sich ein loftartiges Büro. Ein kleinerer, kräftiger Mann in einem grauen Anzug saß hinter einem Schreibtisch. Sein blondgefärbter Pony fiel ihm bis knapp über die Augenbrauen. 
Als Reginald die beiden sah, schob sich ein gewinnendes Lächeln auf seine Lippen. Er erhob sich galant und kam auf sie zu. Bei jeder Bewegung seines Kopfes tanzte der Ohrring, den er im rechten Ohr trug. 
„Hallo, ich bin entzückt, euch kennenzulernen, und freue mich, dass ihr es gefunden habt. Darf ich mich vorstellen – Reginald.“ Er schüttelte ihnen grazil die Hände.  
Mark spürte den kraftvollen Händedruck, den er, aufgrund seiner Erscheinung, nicht erwartet hätte. Wie er bemerkte, war der Rahmen der Brille in dem gleichen Grauton wie sein Anzug. Schlicht, aber elegant, und doch wirkte es ein wenig, als sei es eine Verkleidung.  
„Bitte setzt euch doch“, sagte Reginald und deutete mit einer ausladenden Bewegung auf die beiden Stühle, die vor den Tisch standen. Die Beine der Stühle waren, genau wie beim Schreibtisch, Raubtiertatzen nachempfunden. 
„Was kann ich für euch tun?“ Reginald kicherte und nahm wieder auf seinem mit rotem Samt gefütterten Thron Platz. „Was frage ich kleines Dummerchen. Ihr wollt also heiraten?“ Sein Blick driftete von Mark zu Ben. „Entzückend, überaus entzückend“, flötete er. 
„Richtig, und wir brauchen dringend einen Weddingplaner“, fing Mark an zu erzählen.  
„Da trifft es sich ja hervorragend, dass ich einer bin.“ Er lachte gackernd los. „Wann soll denn der große Tag sein?“  

„Am siebten Dezember“, antwortete Mark leise und räusperte sich.  
Reginald klappte die mit Leder eingebundene Dokumentenmappe, die vor ihm auf dem Tisch lag, auf und griff nach einem azurblauen Füllfederhalter. Den Blick auf die beiden gerichtet schraubte er den Füller auf und setzte ihn auf das Papier. „Welches Jahr?“  
Marks Blick fiel auf Ben, der nervös auf seinem Stuhl herum ruckelte. „Äh. Dieses.“  
Reginald hielt inne und schaute mit kritischem Blick zu Mark. „Dieses Jahr?“  
Mark nickte stumm. Nervosität stieg in ihm auf.  
„Oh … wie reizend. Zwei Kurzentschlossene.“  
„Na ja, nicht ganz. Im Grunde genommen planen wir schon seit Monaten, sind aber nicht sehr weit gekommen. Deswegen haben wir uns überlegt, die Sache einem Fachmann zu überlassen“, erklärte Mark.  
Reginald deutete mit dem Füllfederhalter in Marks Richtung. „Und das, mein Freund, ist eine wahrlich exzellente Idee.“ Er schrieb das Datum auf das Blatt, dann setzte er wieder ab und blickte zu Mark. „Nur zur Sicherheit – der siebte Dezember, der, der in viereinhalb Monaten ist?“  
Mark schluckte schwer. „Ich weiß, es ist nicht mehr viel Zeit.“  
„Ruhig Blut junger Mann. Das wird ein bisschen knapper, aber wir schaffen das.“ Er zog ein weißes Kärtchen aus einem Ständer neben dem Telefon und schob es den beiden zu. Daneben legte er einen goldenen Kugelschreiber.  
Mark blickte fragend zu Reginald. 
„Wir brauchen ein Budget.“ Reginald beugte sich vor. Er hielt die Hand an den Mund, so als ob das, was er gleich sagen würde, niemand hören sollte. „Wir sprechen hier nicht über Geld, deswegen schreiben wir es auf.“ Vergnügt zwinkerte er beiden zu und lehnte sich wieder zurück. 
Mark schrieb die Summe, die ihnen vorschwebte, auf die Karte und schob sie zurück zu ihm.  
„Damit lässt sich etwas anfangen. Mein Honorar beträgt zehn Prozent. Haben wie einen Deal?“ Mit einem Mal klang er nüchtern und geschäftig. 
Mark sah zu Ben, der ihm zunickte. „Wir haben einen Deal.“ 
Schon schob sich wieder ein Lächeln auf Reginalds Lippen. „Entzückend. Ich freue mich, mit euch diesen wahrhaft denkwürdigen Tag begehen zu dürfen. Was brauchen wir noch?“ Er fixierte Mark, den er wohl als ihren Wortführer auserkoren hatte. Mark sah zu Ben, der erleichtert lächelte und nickte. 
„Einen Ort, an dem wir heiraten können, eine Location zum Feiern, Deko, Torte, Musik …“, fing Mark an aufzuzählen, wobei er seine Finger zu Hilfe nahm.  
Reginald hob die Hand und bremste ihn damit. „Okay, beginnen wir anders.“ Ein leises Glucksen tönte aus seinem Mund, er hob seinen Zeigefinger. „Was haben wir bereits?“  
„Den Termin“, antworte Mark verlegen.  
„Und einen Teil der Gästeliste“, schob Ben hinterher.  
Reginald schraubte den Füller wieder zu und legte ihn behutsam am Kopf der Dokumentenmappe ab. „Exzellent. Mein Vorschlag, für euch …“ Sein strahlender Blick wanderte zwischen beiden hin und her. „Lasst mich ein wenig telefonieren und in ein paar Tagen treffen wir uns und besprechen alles. Wie klingt das für euch?“ 
Mark fiel ein Stein vom Herzen. „Das klingt perfekt.“  
„Vortrefflich. Dann machen wir das so.“ Reginald erhob sich aus seinem Stuhl und reichte Mark die Hand. Dieser schlug ein. Auch Ben war die Erleichterung deutlich anzusehen. 
„Ich freue mich auf unsere gemeinsame Zeit. Es wird grandios“, verabschiedete sich Reginald und schlug anmutig auf eine goldene Klingel, ähnlich den Drückern, wie sie in manchen Hotels noch an den Rezeptionen zu finden waren. 
Kurz darauf erschien Sergej, mit einem missmutigen Blick, in der Tür und brachte sie schweigend zurück zum Ausgang.

[Hochzeitsglocken über London
Datum der VÖ: 03. Juli 2023]

© Text: Wolf September
© Cover: germancreative / Fiverr
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.