Tom Real
Wie entstehen meine Geschichten? Ich sehe mich in der Rolle desjenigen, der einfach nur weitererzählt, was seine Protagonisten erlebt haben. Manchmal ist es so, als würden sie mir von ihren Abenteuern berichten. Andere Male stehe ich daneben und beobachte, das Geschehen, um dann darüber zu schreiben. Deswegen nenne ich mich gern „Storyteller“ – Geschichtenerzähler.
Für mich sind meine Figuren lebendig. Sie haben einen inneren Drang, der Welt etwas mitzuteilen. So gesehen betrachte ich mich (oder sie mich?) als ihr Sprachrohr. Ihre Erlebnisse und die damit verbundenen Geschichten sind so vielfältig, wie das Leben jedes einzelnen Menschen dort draußen. Und ich schreibe so, wie sich die Dinge entwickeln. Es gibt für mich bestenfalls im Vorfeld eine grobe Idee – mehr nicht. Dazu zwei Hauptfiguren. Der Rest ergibt sich aus dem Schreibfluss selber. So entstehen stets neue Wendungen, die ich zwei Sätze vorher vielleicht selbst noch nicht kannte. Aber ich denke, gerade das macht es so authentisch. Den unvorhergesehenen Teil belassen, Strategien entwickeln und das Schicksal seinen Lauf nehmen lassen. Wie im echten Leben gehört es für mich dazu, auch Veränderungen an Persönlichkeiten hinzunehmen, sie an ihren Aufgaben wachsen oder scheitern zu sehen. Es gibt keine starren Vorgaben, ein Korsett – bei mir dürfen die Figuren tatsächlich „leben“.
Jede meiner Stories ist auch immer ein persönliches Herzensprojekt, in welches ich alles hineinlege, was mich selber bewegt. Eine Vorliebe für irgendwelche Genres gibt es nicht – ich nutze die ganze Bandbreite und suche stets das Neue. Vor allem in einigen Anthologien konnte ich die jeweilige Herausforderung eines neuen Themenfeldes voll und ganz für mich annehmen. Neue Gebiete sind für mich kein Hindernis, sondern Ansporn genug, es zu versuchen. Heraus kamen dabei eine Vielzahl schöner Kurzgeschichten. Als Mitglied der Gruppe „Autoren für Autoren“ durfte ich auf diese Weise an einigen wunderbaren Projekten mitwirken.
Das Schreiben an sich läuft oft recht chaotisch. Mal in einer kurzen Pause, mal in einer freien Stunde oder vorzugsweise nachts, wenn im Haus Stille einkehrt. Feste Zeiten kenne ich nicht, es bleibt eher dem Zufall überlassen, wann ich schreiben kann.
Spontanität ist daher oft gefordert, ein bestimmtes Ritual habe ich nicht. Flexibilität bedeutet für mich, binnen Sekunden wieder in eine Story eintauchen zu können. Es können zehn Minuten oder auch drei Stunden sein, in denen ich meine Texte tippe.
Da ich fast täglich schreibe, sind mir Blockaden bislang unbekannt geblieben. Wichtig an meinen Geschichten ist mir vor allem, dass sie authentisch sind.
Sexualitäten und Geschlechter spielen dabei keine Rolle, so, wie es im echten Leben auch sein sollte. So ist es für mich völlig normal, auch in nicht explizit queeren Romanen verschiedenste Liebesgeflechte entstehen zu lassen. Noch schöner wäre es, wenn dieses für mich gewöhnliche Miteinander für manche Außenstehende nicht ungewöhnlich wäre. Vielmehr sind es die einzelnen Schicksale, die berühren und bewegen sollen. Wenn in einem Roman oder einer Kurzgeschichte die Liebe fällt, dann fällt sie eben, egal, wohin. Wie in der Realität sind es die Faktoren gegenseitige Anziehung, Nähe und tiefe Gefühle, die zu einer Beziehung führen – wenn die Schmetterlinge im Bauch tanzen!
Trotzdem scheue ich nicht davor zurück, bei offensichtlichen Ungerechtigkeiten den Finger in die Wunde zu legen und etwas tiefer in das Thema hineinzufühlen, um darüber zu schreiben. Oft würde ich mir einfach wünschen, dass andere meinen Protagonisten genauso aufmerksam „zuhören“, wie ich es tue, und bei ihren Geschichten lachen, weinen, mitfühlen, hoffen, verzagen, nachdenken, diskutieren oder sie einfach nur ein Stück weit auf ihren Wegen begleiten.
© Bannerillustration: Hari Patz, Berlin;
© Logo & Text: Tom Real
mit freundlicher Genehmigung.
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