Im Sternbild des Zentauren

Leseprobe

›Im Sternbild des Zentauren‹
Verena Rank

Klappentext:

Als Ben versehentlich ein Portal in die mystische Welt „Mytherra“ öffnet, wird ihm klar, dass hier die Antworten auf all seine Fragen liegen. Seit jeher kann er mit Pflanzen kommunizieren, lässt sie wachsen und heilen. Seine Augen sind so grün wie der Smaragd, der alles ist, was er von seiner Mutter hat. Die Begegnung mit dem stolzen Zentauren Hektor, der die Menschen abgrundtief hasst, ist der Beginn einer aufwühlenden Reise. Mit jeder Auseinandersetzung knistert die Luft zwischen ihnen noch mehr. Am Ende müssen beide erkennen, dass das Schicksal längst für sie entschieden hat …

© Verena Rank | Deadsoft Verlag

Steig auf!“ Plötzlich streckt mir Hektor die Hand entgegen und sieht mich mit ausdrucksloser Miene an. Ich bin so perplex, dass ich nicht glauben kann, dass er wirklich das meint, wovon ich denke, dass er es meint.
„Was?“, frage ich völlig verwirrt und schüttle den Kopf. „Aber du sagtest doch …“
„Bei den Göttern! Steig auf, bevor ich es mir anders überlege!“, herrscht er mich an, worauf ich seine dargebotene Hand nehme und mich von ihm auf seinen Rücken ziehen lasse. Ich komme etwas unbeholfen zum Sitzen und greife instinktiv nach seinen Oberarmen, um Halt zu finden. Sofort registriere ich, wie glatt seine Haut und wie hart seine Muskeln sind. Scheiße, der ganze Kerl ist ein einziger Muskel, auch zwischen meinen Schenkeln spüre ich seinen starken Körper. Es ist das erste Mal, dass wir uns bewusst berühren – abgesehen von vorhin am Bach.
„Ich frage mich wirklich, wie tief ich gesunken bin“, murmelt der Zentaur vor sich hin und stößt ein Schnauben aus, das verzweifelt klingt. „Ein Mensch auf meinem Rücken – lasst mich sterben, ihr Götter!“ Er wirft mir einen kurzen Blick über die Schulter zu. „Halt dich gut fest.“ Er hat die Worte kaum ausgesprochen, da macht er plötzlich einen Satz und sprintet los. Ich keuche überrascht auf und schlinge die Arme automatisch um seine Körpermitte. Mein Gesicht kracht in seine Schulter und einen winzigen Augenblick denke ich, meine Nase ist gebrochen. Hektor fällt in Galopp und ich weiß genau, dass er das mit Absicht macht, um mich zu ärgern. Leider ist es mir völlig unmöglich, mich zu beschweren. Erstens bin ich damit beschäftigt, nicht herunterzufallen, zweitens muss ich mich ganz stark konzentrieren, um bei diesem wilden Ritt keinen Ständer zu bekommen. Nicht nur, dass meine Arme um Hektors nackten Oberkörper liegen, nein – mein Becken wird bei jeder Bewegung nach vorne gerissen und gegen seinen unteren Rücken gedrückt. Ich glaube ich bekomme gerade einen Testosteron- und einen Adrenalinschub gleichzeitig und muss mich zurückhalten, um nicht versehentlich laut aufzustöhnen.
„Wenn du mir noch länger so in den Nacken atmest, werf ich dich ab!“

Ich blicke rasch zur Seite und schließe die Augen, um mich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Ich sitze auf Hektor … die Hitze seines Körpers überträgt sich auf meinen … meine Hände liegen auf seinem nackten Oberkörper … scheiße, was ist denn gleich nochmal das Wesentliche? Mein Gehirn scheint sich gerade verabschiedet zu haben und offensichtlich hat es das Kommando meinem Schwanz überlassen. Wenn Hektor das bemerkt, bin ich erledigt. Ich muss an etwas denken, das mich total abtörnt … Leberkäse, Stehpinkler, Besserwisser, James Bond, Schweißgeruch, Schinkennudeln …
„Ben! Hast du gehört?“
Ich schrecke auf. „Was?“
„Ich sagte, wir bleiben für die Nacht im Weißen Wald. Morgen ist es nur noch ein Stück und dann den Berg hinauf.“
„O… Okay.“
Es ist eigenartig und faszinierend zugleich, auf einem Zentauren zu reiten. Einerseits hat man den muskulösen, männlichen Oberkörper vor sich, zugleich spürt man die Bewegungen des Pferdekörpers zwischen den Beinen. Nach einer ganzen Weile, in der Hektor den Weg im Galopp zurücklegt, hat sich mein Körper seinem angepasst. Ich hatte als Jugendlicher ein paar Reitstunden, die mir jetzt zugutekommen. Ohne Sattel ist das dennoch eine ganz andere Nummer und ich muss die Schenkel ganz schön zusammenpressen, um Halt zu haben. Um nicht allzu sehr darüber nachdenken zu müssen, wie meine Arme Hektors nackten Oberkörper umschlingen, versuche ich, auf die Gegend zu achten. Wir haben eine ganze Weile diese öde Felsenlandschaft durchquert, als am Horizont ein Wald auftaucht. Der Anblick raubt mir kurz den Atem und ich stoße ein überraschtes Keuchen aus. Hektor drosselt das Tempo und verfällt in einen gemächlichen Trab.
„Falls du dich gefragt hast, warum der Weiße Wald diesen Namen trägt, weißt du es nun“, sagt er monoton mit seiner tiefen Stimme, deren Klang mir nach längerem Schweigen wieder mal Gänsehaut beschert. Ich nicke, obwohl mich Hektor ja gar nicht sehen kann.
„Ist das Schnee?“, frage ich verwundert, während ich weiter auf die riesigen weißen Bäume starre, die sich vor uns gleich einer Armee aufreihen. Hektor schüttelt den Kopf.
„Nein, kein Schnee“, antwortet er. „Sie sind einfach nur weiß … wie alles, was in diesem Wald lebt und wächst.“
Als wir den Wald betreten, hüllt uns eine friedliche, beruhigende Stimmung ein. Nur das gedämmte Auftreten von Hektors Hufen auf dem weichen Waldboden und das Vogelgezwitscher aus den Baumkronen ist zu hören, sonst ist es völlig still.

[Im Sternbild des Zentauren | Datum der VÖ: 19. November 2020]

© Text und Cover: Verena Rank | deadsoft Verlag;
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung.
Unbezahlte Werbung.

© Cover: Irene Repp
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© Coverbild: MysticArtDesign